Im Gespräch mit Familie Speidel

Familie Speidel

Verband & Wirtschaft

25. April 2012 - Bei einem Jahresumsatz von 40 Millionen Euro produziert der Damenwäsche-Spezialist mit seinen 700 Mitarbeitern täglich etwa 65 000 Teile für Kunden in ganz Europa.

masche im Gespräch mit Gisela Geißler, Hans-Jürgen Speidel und Günter Speidel

Speidel feiert in diesem Jahr 60jähriges Jubiläum. Wie fing alles an?
Günter Speidel: Unsere Eltern begannen 1952 mit einer kleinen Produktion in ihrem Bodelshausener Wohnhaus. Um Platz für ihre ersten Strickmaschinen zu schaffen, haben sie kurzerhand die Wand zwischen Wohn- und Schlafzimmer herausgebrochen.
Gisela Geißler: Bemerkenswert ist der Start ohne nennenswerte finanzielle Mittel – ganz im Stile der Gründergeneration. Zunächst hat man sich an allem versucht, was auf Strickmaschinen hergestellt werden kann, auch Oberbekleidung.
Hans-Jürgen Speidel: Mitte der 70er Jahre spezialisierten wir uns auf Damentagwäsche, auch vom Maschinenpark her. Die Firma war damals wesentlich kleiner, und es gab noch nicht die Qualitätenvielfalt.

Heute verbindet man den Namen Speidel mit dem Slogan „Feines auf der Haut“ und dem Design von Sylvia Speidel. Wann haben Sie angefangen, Markenpolitik zu betreiben?
Günter Speidel: Unser Vater hat schon in den 60ern begonnen, mit „Speidel Wäsche“ zu werben. Ich selbst kann mich noch an eine Aktion mit Hertie erinnern: Wir fuhren mit unserer neuen Strickmaschine wie in einer Roadshow von einem Kaufhaus zum nächsten und strickten direkt in den Wäscheabteilungen vor der staunenden Kundschaft die Produkte. Das kam sehr gut an. Seit dieser Zeit schreiben wir unseren Namen ins Label. Heute vertreiben wir fast drei Viertel unserer Produktion unter der Marke Speidel. Für das Design ist seit 1980 meine Frau verantwortlich.

Der Name Speidel steht für soliden Geschäftserfolg. Auch in der Wirtschafts- und Finanzkrise sind Sie gewachsen und haben die Produktion erweitert.
Günter Speidel: Tatsächlich sind wir auch in schwierigen Zeiten gewachsen. Heute stellen wir pro Jahr ca. 15 Millionen Wäscheteile her. Der Erfolg hängt von vielen Komponenten ab. Ein Patentrezept haben auch wir nicht. Unser großer Vorteil ist: Wir sind ein gutes Team. Und wir wissen – wenn wir nach vorne gehen wollen, müssen wir Mut zeigen, vor allem bei Investitionen. Darüber hinaus haben wir eine sehr engagierte Mannschaft, die hinter uns steht.

Sie sehen Ihre Mitarbeiter als entscheidenden Erfolgsfaktor. Wie sehen Sie das Thema Nachwuchs?
Gisela Geißler: Die jungen Leute interessieren sich nach wie vor für Textilberufe – modisch wie technisch. Die Frage ist, wie sie ihre Berufschancen nach der Ausbildung einschätzen. In unserer Region haben wir als Arbeitgeber eine große Konkurrenz mit starken Branchen wie Automobil oder Medizintechnik. Deshalb ist es wichtig, Neugier zu wecken und intensiver über unsere Produkte und ihre Produktion zu informieren.
Hans-Jürgen Speidel: Bei einem Unternehmertreffen der Gewerbeschule Balingen wurde uns kürzlich eine erschreckende Bilanz präsentiert: In den letzten zehn Jahren haben sich die Ausbildungsverträge in der Region halbiert. Die Branche sollte dringend mehr ausbilden, damit die Kurse in den Berufsschulen wieder voll werden. Sonst droht deren Schließung. Wir selbst bilden Kaufleute und Modenäher aus und in Kürze auch Produktionsmechaniker. Von unseren Azubis konnten wir viele übernehmen und einige sind inzwischen in verantwortungsvollen Positionen.

Neben dem Betrieb in Bodelshausen hat Speidel auch Auslandsstandorte.
Hans-Jürgen Speidel: Seit 1989 haben wir einen eigenen Konfektionsbetrieb in Ungarn, seit 2000 einen in Rumänien. Alle Zuschnitte und Zutaten kommen aus Bodelshausen. Pro Tag werden an jedem Standort ca. 30 000 Teile produziert. Beide Länder sind schnell erreichbar, und weil sie inzwischen der EU angehören, müssen wir uns nicht mehr mit Zollformalitäten herumschlagen. In Foscani, nördlich von Bukarest, wird überwiegend unsere Standardware konfektioniert. Unser ungarisches Werk liegt direkt hinter der österreichisch-ungarischen Grenze und deckt unsere gesamte Produktpalette ab. Ein Lkw fährt ständig zwischen Bodelshausen und Szombathely hin und her.

Würden Sie das trotz gestiegener Lohnkosten heute wieder so machen?
Hans-Jürgen Speidel: Die Entscheidung war auch aus heutiger Sicht die richtige. Beide Auslandsbetriebe sind nach wie vor sehr effizient aufgestellt. Abgesehen von den Lohnkosten war und ist der Mangel an lokalen Arbeitskräften für uns ein wichtiger Grund für die Verlagerung der Konfektion. Seit Mitte der 80er ist es fast unmöglich, junge Frauen für den Beruf der Modenäherin zu interessieren.

Wie viel ihrer Stoffe machen Sie selbst?
Günter Speidel: Praktisch unsere gesamte Kollektion, d. h. ca. 95 Prozent. Dafür haben wir viel in unseren Maschinenpark investiert. Das macht uns flexibel und schlagkräftig und verschafft uns die Möglichkeit, in der Stoffentwicklung sehr aktiv zu sein. Ein Beispiel dafür ist unser neues Shaping-Produkt „Inshape“. Davon haben wir schon 200 000 Teile verkauft.
Sie beschaffen überwiegend in Europa und lassen in der Region ausrüsten. Wird da die Luft dünn?
Hans-Jürgen Speidel: Mit den Ausrüstern, mit denen wir heute zusammenarbeiten, verbinden uns langjährige Partnerschaften. Jeder von ihnen hat seine besonderen Stärken und wir können uns auf deren Qualität verlassen. Für uns ist es wichtig, die Region zu stärken, damit die Produktion nicht noch weiter schrumpft. Mit unseren Mengen könnenwir durchaus dazu beitragen.
Günter Speidel: Wir setzen fast ausschließlich europäisches Material ein, vor allem aus Griechenland, aber auch aus Deutschland und Österreich. Es ist enorm wichtig, dass uns die verbliebenen Garn- und Zutatenlieferanten in Europa erhalten bleiben. Wir profitieren von den langjährigen Verbindungen und der engen Zusammenarbeit.

Als im vergangenen Jahr die Baumwollpreise in die Höhe schossen, hat sich da die enge Verbindung zu den Lieferanten ausgezahlt?
Hans-Jürgen Speidel: Auf jeden Fall. Zur Baumwollknappheit kam im vergangenen Jahr auch noch der Streik der griechischen Lkw-Fahrer. Das war brenzlig – aber wir mussten keine Maschine abstellen. Wir hatten unsere Lagerbestände rechtzeitig aufgestockt, und seitens unserer Lieferanten gab es nie wirklich Probleme mit der Verfügbarkeit.
Günter Speidel: Im Langstapelbereich haben wir immer noch ein hohes Preisniveau. Im Mittelstapelbereich hat sich der Garnpreis auf einem Niveau eingependelt, das für uns noch tragbar ist und mit dem eine Spinnerei Geld verdienen kann. Wenn ein gekämmtes Baumwollgarn in Nm 50/1, wie vor dem Preisanstieg, zwischen 2,60 und 2,70 Euro kostet, ist das für den Spinner nicht auskömmlich und letztlich für uns alle nicht optimal. Schließlich wollen wir, dass unsere EU-Lieferanten weiter existieren können.

Auskömmliche Preise sind seit langem ein Problem aller Herstellungsstufen.
Günter Speidel: Wir und alle Mitbewerber waren gezwungen unsere Preise anzuheben, um nicht draufzulegen. Dazu mussten teilweise auch Eckpreislagen verlassen werden. Nach einer Preiserhöhung ist eine gewisse Kaufzurückhaltung zu erwarten, aber das normalisiert sich wieder. Eine Rolle rückwärts wegen einer etwas entspannten Rohstoffpreislage wäre der verkehrte Weg. Schließlich sind wir auch in anderen Bereichen – den Löhnen, der Veredelung und der Energie – mit Kostensteigerungen konfrontiert.

Hat Sie der Baumwoll-Preisboom auf neue Materialideen gebracht oder will der Kunde keine Experimente?
Gisela Geißler: Der Trend geht wieder klar zur Baumwolle. Natürlich versuchen wir immer wieder etwas Neues, etwa im Bereich Micromodal, aber Baumwolle bleibt ein unschlagbares Verkaufsargument. Einen wachsenden Stellenwert hat in unserem Sortiment Baumwolle aus kontrolliertbiologischem Anbau. In Deutschland und der Schweiz ist der Bio-Trend am stärksten zu spüren.

Welche Zielgruppen spricht Speidel an?
Gisela Geißler: Wir bieten ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis, unsere Produkte sind jung und sehr fraulich. Auf eine bestimmte Altersgruppe sind wir nicht festgelegt, denn in solche Schubladen lassen sich die Frauen von heute nicht mehr stecken. Sie entscheiden selbst. Eine solche Einteilung ist ja auch vermessen. Was passiert denn, wenn man 50 wird? Muss man dann seinen Stil ändern? Unser Angebot wird zu 60 bis 70 Prozent von Basics bestimmt, alles Artikel, die ab Lager nachlieferbar sind. „Mode“ und „never out of stock“ sind keine getrennten Bereiche mehr. Heute gibt es „modische Basics“, die das ganze Jahr hindurch laufen.

Durch ein modischeres NOS-Programm verbessern Sie Ihre Lieferfähigkeit…
Günter Speidel: Der Handel setzt immer weniger auf Vororder und verlangt von uns mehr Flexibilität. Wir bieten dem Kunden den Service, auf unser Lager zurückgreifen zu können. Ein eigenes braucht er somit nicht. Speidel hat sich mit Lieferpünktlichkeit und Zuverlässigkeit in den letzten Jahrzehnten einen guten Namen gemacht. Dem wollen wir weiter gerecht werden. Unser Lager umfasst kontinuierlich ca. 1,5 Millionen Teile – das ist schon eine Hausnummer. Im modischen Bereich produzieren wir aber ausschließlich auftragsbezogen. Dadurch haben wir so gut wie keine Restanten.

Kann man Speidel-Produkte auch online kaufen?
Gisela Geißler: Seit zwei Jahren betreiben wir unseren eigenen Web-Shop und sind mit der Entwicklung sehr zufrieden. Über diesen Vertriebskanal möchten wir auch die Kundin erreichen, die in ihrer Region keine Einkaufsmöglichkeit im Fachhandel hat. In den letzten Jahren sind leider viele Handelskunden weggebrochen. Besonders auf dem Land gibt es bereits regelrechte weiße Flecken.

Der Handel reagiert für gewöhnlich kritisch auf das Online-Geschäft der Hersteller.
Günter Speidel: Negative Reaktionen hatten wir bisher nicht. Man darf sich dem Medium auf keinen Fall verschließen. Ein professioneller Web-Auftritt, möglichst mit Shopping-Funktion, wird heutzutage von jeder Marke erwartet. So können wir unser Sortiment dem Endverbraucher direkt präsentieren.
Gisela Geißler: Der Online-Handel stört das bestehende stationäre Geschäft nicht, er sorgt für zusätzlichen Umsatz. Allerdings mussten wir erst Erfahrungen sammeln – Retouren, Zahlungseingänge, kleine Pakete. Unsere Retourenquote liegt unter 10 Prozent. Das ist im Branchenvergleich ausgezeichnet.

Wie geht es weiter mit den Vertriebskanälen? Planen Sie eigene Shops?
Gisela Geißler: Wir betreiben derzeit acht eigene Outlets, die sich allesamt an Standorten befinden, die unsere Handelskunden nicht beeinträchtigen. Neben unserem Verkauf hier in Bodelshausen gibt es Läden in Urlaubsregionen wie im Allgäu oder am Bodensee. Wirkliche Markenshops haben wir noch nicht, das könnte aber durchaus eine Idee sein. Wenn Händler wegfallen, muss man entsprechende Alternativen suchen. Und in eigenen Läden können wir uns als Marke ganz anders zeigen – mit unserer gesamten Kollektion.

Welche großen Herausforderungen warten auf die Branche?
Hans-Jürgen Speidel: Das Umfeld hier stabil zu halten, ist die wichtigste Herausforderung der kommenden Jahre. Natürlich müssen wir bei brisanten Themen wie Beschaffung oder Nachwuchs heute die Weichen stellen. Dazu gehören auch die engen Partnerschaften in der Region. Am Standort Bodelshausen schlägt weiter das Herz unserer Firma. Deswegen haben wir 2009 Gebäude und Maschinenpark modernisiert und erweitert und unsere Produktionsabläufe entsprechend optimiert.
Günter Speidel: Wir wollen wachsen, aber nicht um jeden Preis. Unsere Stückzahlen haben ein gesundes Niveau erreicht. Wir möchten unseren Fokus auf Qualität legen, unsere Produkte verfeinern, verbessern, Neues entwickeln – darin sehen wir unsere große Herausforderung.

Was bringt Ihnen die Mitgliedschaft bei Gesamtmasche?
Günter Speidel: Das Informationsangebot des Verbandes hat sich sehr gut entwickelt. Das gilt auch für die Seminare. Ich erwähne da nur das aktuelle Thema Textilkennzeichnung. Für uns besonders wichtig ist die gute Erreichbarkeit, der schnelle Draht. Auch in rechtlichen Fragen holen wir gerne Rat ein, aber da hatten wir in den letzten Jahren zum Glück kaum Probleme.

Erzählen Sie uns bitte noch etwas über sich.
Wir sind in der Region aufgewachsen, mit ihr verwurzelt und leben hier sehr zufrieden mit unseren Familien. Insgesamt bringen wir es auf fünf Töchter, die erste davon ist bereits ins Unternehmen eingestiegen. Die Frauenquote erfüllen wir also auch privat. Kein Wunder, wenn wir doch Damenwäsche herstellen!
Wir kommen immer gerne ins Unternehmen. Dabei ist uns wichtig, dass jeder sein eigenes Privatleben pflegen kann und die Wochenenden frei sind von geschäftlichen Dingen. So können wir Distanz gewinnen und wieder Kraft schöpfen für Neues. Natürlich sieht vieles nach außen hin einfach aus. Aber auch wir machen uns hier und dort Sorgen, tragen an manchen Dingen schwer. Da ist es gut, dass wir zu dritt sind, die Last verteilen und immer miteinander reden können. Deshalb ist uns vor allem wichtig, dass wir alle gesund bleiben.

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