Business-Boom trotz Barrieren

Brasilien

Außenwirtschaft

26. April 2012 - Der brasilianische Markt lockt mit hohen Wachstumsraten. Doch die Hürden sind hoch.

Brasiliens boomende Wirtschaft und die erstaunliche Zahl von Millionären, die der südamerikanische Riese in den letzten Jahren hervorgebracht hat, ziehen das Interesse der weltweiten Modeindustrie auf sich. Der brasilianische Mode-Retail erreichte 2011 einen Gesamtumsatz von über 131 Mrd. US-Dollar. Rio und São Paulo sind zu Modemetropolen avanciert, wo Luxusmarken wie Prada oder Bottega Veneta längst ihre Boutiquen eröffnet haben. Der Konsum von Luxuswaren und hochwertigen Artikeln durch die brasilianische Mittel- und Oberschicht wächst unbeeindruckt von der Krise in Europa und den USA. Im vergangenen Jahr sind die Importe um 24 Prozent gestiegen.

Doch auch wenn saftige Umsätze locken, müssen ausländische Marken mit hohen Hürden rechnen. Seit 2005 hat sich der Anteil von Importwaren am brasilianischen Modekonsum zwar verdreifacht. Zumeist handelt es sich jedoch um günstige Asien-Ware. Europa ist in der Top-10 der Lieferländer mit Italien auf Platz 8 und Portugal auf Platz 10 vertreten. Karneval und Caipirinhas können nicht darüber hinwegtäuschen, dass die legendäre brasilianische Bürokratie gute Geschäfte regelrecht ersticken kann. Warenlieferungen, die drei Monate beim Zoll festsitzen, Einfuhrzölle von 35 Prozent und weitere Abgaben machen Exporteuren und ihren brasilianischen Kunden das Leben schwer. Im jüngsten "Ease of Doing Business Index" der Weltbank belegt Brasilien den traurigen Platz 126 – auch wenn das Land bereits 2011 zur sechstgrößten Wirtschaftsnation der Welt aufgestiegen ist.

Die brasilianischen Einfuhrvorschriften stellen die Wirtschaftsakteure vor herkulische Aufgaben. Wer etwas importieren will, muss jede der unzähligen Detailregelung genau beachten. Vor allem verändert und erweitert sich das Regelwerk ständig. Neue Bestimmungen wuchern zum Teil sogar schneller, als Waren transportiert werden können. Offiziell müssen alle Bekleidungsimporte vom brasilianischen Zoll beschaut werden. Die Maßnahmen richten sich gegen Billigeinfuhren, treffen aber alle gleichermaßen. Langwierige Verzögerungen sind die Folge. Für den "Dernier Cri" ist es dann regelmäßig zu spät. Der Protektionismus lässt die Preise für ohnehin teure Qualitäts- und Markenware nach oben schnellen. Premiummarken kommen den Endkunden dadurch zweimal, ja bis zu viermal so teuer zu stehen wie außerhalb Brasiliens. Nach Zöllen, Steuern und Margenaufschlag durch den Einzelhändler steht auf dem Etikett zuweilen das Achtzehnfache des Großhandelspreises. Schuhe von Salvatore Ferragamo, die in den USA für knapp 400 US-Dollar zu haben sind, kosten in Brasilien mehr als das Doppelte. Für den Burberry-Trenchcoat, den britische Kunden für 915 US-Dollar kaufen können, müssen Brasilianer 2 075 US-Dollar hinblättern.

Eine weitere Herausforderung ist die starke heimische Konkurrenz: Brasilien mit seinen 30 000 Textil- und Bekleidungsherstellern ist der fünftgrößte Textilproduzent der Welt. Die Branche stellt inzwischen über 10 Prozent der Jobs im produzierenden Gewerbe und investiert kräftig in ihre Modernisierung: 2011 flossen 2,5 Mrd. US-Dollar in Textilmaschinen. Und die brasilianische Fashion-Szene feiert nicht nur weltweit bekannte Namen, sondern auch örtliche Modegrößen, die auf dem internationalen Parkett so gut wie unbekannt sind. Alexandre Herchcovitch, Osklen oder Maria Bonita haben in Brasilien auch unter den gut betuchten Fashionistas eine eingeschworene Fangemeinde und bieten ausländischen Luxusmarken Paroli. Sie werden auch besser mit dem Problem der Jahreszeiten fertig, die in der südlichen Hemisphäre – zumindest aus Sicht der nördlichen Wettbewerber - auf dem Kopf stehen. Fernando Pimentel, Geschäftsführer des brasilianischen Textilverbandes ABIT, prognostiziert ein Umsatzwachstum seiner Industrie bis 2016 um jährlich 5 Prozent. Doch trotz beachtlicher Expansion des Sektors hält er mit dem Konsumwachstum nicht Schritt.

Nach einer Deloitte-Studie soll sich die Zahl der Millionärshaushalte in Lateinamerikas größter Nation bis 2020 verdreifachen und dann mehr als eine Million betragen. Schon 2010 wurden in Brasilien Luxusartikel im Wert von 8,9 Mrd. US-Dollar verkauft, nach einer Studie von GfK und MCF Consultoria 28 Prozent mehr als 2009. Zum Vergleich: In China werden die Millionärshaushalte im gleichen Zeitraum voraussichtlich auf 2,5 Millionen anwachsen, in Russland auf 1,2 Millionen und in Indien auf immerhin knapp 700 000. Brasilianische Mode-Insider betonen trotz der überbordenden Barrieren einen entscheidenden Vorzug Brasiliens gegenüber den anderen BRIC-Staaten: Brasilien ist keine Diktatur wie China, und auch die bittere Armut Indiens findet sich hier nicht. Wirtschaftsreformen haben bereits zig Millionen aus der Armut befreit und in die Mittelklasse aufsteigen lassen. Bis 2015 soll der Modekonsum um weitere 50 bis 60 Prozent wachsen. Die rasche Ausbreitung spezialisierter Einzelhandelsketten begünstigt den Einstieg europäischer Marken in das Geschäft am Zuckerhut. ABIT schätzt, dass der Importanteil bis dahin auf 30 Prozent ansteigen wird.

Brasiliens neue Mittelschicht lässt den Einzelhandel dynamisch wachsen. In nur fünf Jahren hat der Bekleidungskonsum am Zuckerhut um fast 40 Prozent zugelegt. Hintergrund der Entwicklung ist eine grundlegende Verschiebung in der Einkommensverteilung. Modebewusste und immer kaufkräftigere Konsumenten sorgen in der sechstgrößten Volkswirtschaft der Welt für gute Stimmung in der Textilbranche. Die Bevölkerung Brasiliens hat im vergangenen Jahrzehnt um 20 Millionen Menschen zugelegt und zählt heute 194 Millionen Menschen. Die Konsumausgaben pro Kopf sind im gleichen Zeitraum real um 28 Prozent gewachsen – und Brasilianer wenden traditionell einen hohen Anteil ihres Einkommens für Mode auf. Heute liegen die jährlichen Pro-Kopf-Ausgaben für Bekleidung bei 670 US-Dollar.

Die wohlhabenden 15 Prozent verdienen mit einem Pro-Kopf-Einkommen von über 22 000 US-Dollar jährlich zwar ein Vielfaches dessen, was dem Durchschnittsbrasilianer zur Verfügung steht. Doch die weniger betuchten 85 Prozent der Bevölkerung stehen heute für immerhin 60 Prozent der privaten Ausgaben und sogar für 71 Prozent der Retail-Umsätze. Wie die anderen BRIC-Staaten zeichnete sich Brasilien in den vergangenen Jahren durch ein schier unersättliches Wachstum aus. Der Real befindet sich auf einem Höhenflug, der Exporteuren das Leben schwer macht und gleichzeitig Importe und Produktionsverlagerungen begünstigt. Das verleitet die Regierung von Dilma Rousseff dazu, dem Druck der Unternehmen nachzugeben und höhere Importbarrieren einzuführen. Grund dafür ist die Angst vor allzu billigen Waren aus China. Experten warnen langfristig vor einer Abschottung, genauso wie vor einer Abwertung des Real.

Foto: © Val ThoermerFotolia.com

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