VDMD.TREND.PULS SOMMER 2019: Analoge Virtualität

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Messen, Mode & Trends

02. Mai 2018 - Für die Sommersaison 2019 hat der Verband deutscher Mode- und Textildesigner die Farben, Strukturen, Drucke und Dessinierungen von Materialien und Zubehör für vier große Themen definiert.

Die Welt steht im Zeichen von 4.0. Vergessen wir die Menschen dahinter? Die Themen für den Sommer 2019 beziehen sich auf den Menschen und seine ursprünglichen Bedürfnisse: Ruhe, Wert, Rückschau und Rückhalt.

***Bericht mit Trendbildern und Farbübersichten im Magazin masche 01/2018***

„Wir leben zeitgleich in einer analogen und digitalen Welt, die 4.0 genannt wird. Diese entwickelt sich rasant zu einer virtuellen Welt 5.0, in der es schwerfällt, Reales von Virtuellem zu unterscheiden. Das ist nicht aufzuhalten. Doch viele Menschen fühlen sich vom Druck, sich darauf einzustellen, überfordert“, sagt Mara Michel, die den VDMD-Trend-Forecast leitet. „Die Antwort darauf ist: analog. Produkte und Ideen zum Anfassen, gleichzeitig zum Dialog bereit.“

1. Sehnsucht nach RUHE
Wir holen die Natur in die Großstadt und geben unseren Häusern Einrichtungen, die Emotion zulassen. Persönliche und räumliche Nähe werden wichtiger. In einer Welt der Schnelligkeit und Automatisierung sehnen wir uns nach Entschleunigung. Wissen wird geteilt und ist frei erhältlich. Es entstehen analoge Lesegruppen und Workshops für gemeinsames Handcrafting. Autolärm weicht lautlosen, mit Strom betriebenen Mobilen, die uns selbstständig zu unseren Zielorten bringen. Frachtverkehr und Lieferservice werden per Drohen und Luftfahrzeugen abgewickelt. Die Stoffe sind dezent strukturiert und lebendig: beschichtet, gelackt, schimmernd, irisierend und fließend. Reliefs pendeln zwischen fein, tonig, verschwommen und wuchtig, klar, betont. Die Dessinierungen kommen aus glitzernden Fantasiewelten und Träumen oder feinsten Netzen, bewegten Streifen und Bleistiftzeichnungen. Zubehöre und Accessoires passen sich an die Eleganz und zeitlose Schönheit der Stoffe an.

2. Sehnsucht nach WERT
Die Natur ist ein Refugium, in dem wir abschalten und uns erholen. Dabei wird städtischer Komfort in die Natur getragen. Nachhaltig handeln bedeutet nicht nur, auf recycelbares Material achten, sondern sich fair zu verhalten und verschwenderische Massenproduktion eindämmen. Nicht mehr wegwerfen, sondern upcyceln für neue, nutzbringende Produkte. Freunde und Nachbarn werden zu Tauschpartys eingeladen. Das Bewusstsein für Umwelt und Erde zeigt sich in unverpacktem und direkt geerntetem Obst und Gemüse von regionalen Bauern. Gleichzeitig gaukeln virtuelle Brillen Tiere und Landschaften vor, die es nicht mehr gibt. In Open Air Kinos können wir 3D zum Mars fliegen. Stoffe dürfen weich und fließend sein, aber auch Stand haben. Sie sind nachhaltig und authentisch, wie Baumwolle, Hanf und Leinen; daneben werden Smart Textiles mit Naturbezug entwickelt. Technische Textilien werden zum Umsatzträger Nr. 1. Zunächst experimentell und fast spielerisch, dann mehr und mehr zum Nutzen des Trägers. Alle Dessinierungen leben von Beobachtungen in der Natur und ergeben eine unendliche Vielfalt für neue Optik: Schiefer, Moos, Kieselsteine, Blüten, Pilze, Schwämme, Käfer, Tierhaare oder Bienenwaben. Zubehöre und Accessoires unterstreichen die Heiterkeit der Stoffe, aber auch die Ernsthaftigkeit, Nachhaltiges zu schaffen.

3. Sehnsucht nach URSPRUNG
Das dritte Thema entführt uns in vergangene Zeiten. Die Angst vor Krieg, Unruhen, zu schneller digitaler Entwicklung und Fremdem lässt die Menschen näher zusammenrücken. Familie bekommt einen neuen Stellenwert. Traditionelles neu aufleben zu lassen, lässt uns an unseren eigenen Ursprüngen teilnehmen. Die Mode spielt das letzte Jahrtausend an Stilen durch. Das Gefühl der 50er und 60er Jahre wird wiederbelebt in Farbe, Form und Dessin. Moderne Technik wird eingesetzt für Kunsthandwerk und authentische traditionelle Optiken. Enkel lehren ihre Großeltern den perfekten Umgang mit dem Computer und nehmen ihnen die Scheu vor dem Digitalen. Das Thema Ursprung steht für einen Mix der Kulturen, reduziertes Profitdenken und neue Wertschätzung. Stoffe sind Gobelin, Ikat sowie Samte und aufwändige Brokate mit Stand, die plissiert und reich bestickt sein dürfen. Dessinierungen kommen aus den Traditionen zurückliegender Jahrhunderte und fremder Kulturen. Ineinanderlaufende pastose Ölfarben tragen darüber transparente Portraits, die wie aus der Tiefe leuchten. Zubehöre und Accessoires lassen vergangene Jahrhunderte wieder aufleuchten. Strass, hochglänzendes Silber, Gravierungen, Perlen und Edelsteine, die haptisch erhöht gesetzt werden, ziselierte Schnallen und goldene Bänder.

4. Sehnsucht nach RÜCKHALT
Die Generation Z lebt mit einem eigenen Selbstverständnis in der digitalen Welt. Nähe durch überall einsetzbare Handys, Ferne durch das Ersetzen analoger Kontakte mit digitalen Begegnungen. Gleichzeitig führt das Erleben einer digitalen und virtuellen Welt zur Sehnsucht nach Erdung, nach Rückhalt. Jugendliche treffen sich bei Flashmobs, beim Rudern, beim Klettern. Sie verloben sich, heiraten in Weiß, wollen Kinder, Familie und Beruf in Einklang bringen. Work Life Balance, Sabbatical und Weltreisen sind im Lebensplan eingebaut. Digitale Medien dienen der Durchsetzung. Stoffe können zart sein, leicht mit eingeflochtenen echten Naturmaterialien, metallisch glänzende fließende Synthetik oder durchsichtige Plastikmaterialien mit Stand. Dessinierungen sind individuell und beinhalten wilde, wie zufällig geborene Muster aus Malereien, analoge Direktübertragung von fotografierten Dessins bis hin zu virtuellen Anmutungen und Zurschaustellung von Gedanken. Lässige Outfits zusammen mit enganliegender Sportkleidung, daneben weiche romantische Strickkleider. Neue Technologien ermöglichen individualisierte Kleidung und Accessoires zu bezahlbaren Preisen. Firmen stellen sich drauf ein, wieder eigene Ateliers für Sonderdrucke zu führen. Zubehöre und Accessoires entwickeln ein Eigenleben.

FARBEN UND STILE

Farbkarten für die Sommersaison 2019 und die Wintersaison 2019/20 können beim VDMD bezogen werden. Eine Zusammenfassung mit den Pantone-Codes finden Sie im Magazin masche, Ausgabe 01/2018.

1. RUHE
Unterschiedlichste Blautöne in Dämmerungsstimmung über urbanen Welten kurz vor einer Sommernacht: Kühl, bestimmt, unaufgeregt, klar, still, beruhigend, zurücknehmend und technisch; wie Kiesel, Heller Topas, Turmalin, Mitternacht, Saphier, Rauchquarz, Blautopas, Süßwasserperle, Aquamarin, Beton und Lemon Quarz.

2. WERT
Natürlich, grün, frisch, gesund, stimmungsvoll, sommerlich heiter, erfrischend und feinnervig. Wie ein Spaziergang durch Wiesen und Wälder zum Sonnenaufgang an einem Frühlingstag: Zitrone, Stachelbeere, Aprikose, Kiwi, Wasser, Honigwabe, Salbei, Basilikum und Thymian.

3. URSPRUNG
Eine Welt der Wärme und des rotgoldenen Lichtes der Abendsonne eintauchen: gebrannt, warmtonig, gemütlich, einladend, lebensfroh und historisch multikulti, wie Pfirsich, Elfenbein, Burgunder, Sandstein, Tinte, Cotta, Graphit, Kachel, Mahagoni und Beton-Silber.

4. RÜCKHALT
Farben, die abtauchen in ein Meer aus Korallen und farbintensiven Exoten: extrovertiert, leuchtend, lieblich, zärtlich, wild, träumerisch, empfindsam, liebend, und berührend; wie Puder, Schaum, Lavendelsorbet, Veilchen, Candy, Schiefer, Rosenholz, Granatapfel, Flamingo, Asche und Perlmutt.

Für jede Saison analysiert der Verband deutscher Mode- und Textildesigner VDMD unter Leitung der Trendforscherin Mara Michel, wie sich der Megatrend in einzelnen Produkten zeigt. Mara Michel ist Geschäftsführerin des VDMD, Netzwerk Deutscher Designer für Mode, Textil, Home, Accessoires, Interieur und betreibt die Trendagentur futurize in Würzburg.

„Die Zukunft ist analog und real, digital und virtuell, beide Richtungen bis zum Extrem. Ein langer Weg der Experimente, Verzahnungen, Vernetzungen, neuer Techniken und Optiken. Eine große Chance für Textil und Mode, sowie deren Umfeld Architektur und Raum.“

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