EU-Vernichtungsverbot: Gute Absicht, falscher Adressat Bild: © Gerd Altmann - pixabay.com

EU-Vernichtungsverbot: Gute Absicht, falscher Adressat

Die EU verbietet  die Vernichtung unverkaufter Bekleidung und Schuhe. Politisch wird das als klares Signal gegen Fast Fashion gefeiert. In der Praxis trifft es wieder einmal die Falschen.

Die Schlagzeile klingt gut. Doch die entscheidende Frage lautet: Trifft das Vernichtungsverbot die Hauptverursacher, oder wächst erneut der Druck auf die mittelständische Textilwirtschaft am Standort? Wieder einmal setzt die EU bei Symptomen an, anstatt die Ursache zu bekämpfen, und erzeugt neue Bürokratie. Damit trifft Brüssel genau die Falschen und macht sogar den Bock zum Gärtner.

Wer ist wann betroffen?

Die Umsetzung erfolgt gestaffelt nach Unternehmensgröße: Ab 19. Juli 2026 gilt das Verbot unmittelbar für große Unternehmen. Das sind per EU-Definition Firmen mit mehr als 250 Mitarbeitern und entweder über 50 Mio. Euro Jahresumsatz oder über 43 Mio. Euro Bilanzsumme. Mittlere Unternehmen (mehr als 50 Mitarbeitende und über 10 Mio. Euro Umsatz) erhalten eine Übergangsfrist und müssen die Vorgaben ab 2030 erfüllen. Kleine und Kleinstunternehmen (unter 50 Mitarbeitende bzw. unter 10 Mio. Euro Umsatz) sind derzeit vom direkten Vernichtungsverbot ausgenommen. Das verschont sie aber nicht vor mittelbaren Auswirkungen entlang der Lieferkette.

Im Rahmen des Vernichtungsverbots entstehen umfangreiche Dokumentations- und Offenlegungspflichten zu Mengen, Gewichten und Art der Entsorgung nicht verkaufter Waren. Je kleiner das Unternehmen und je geringer die angebotenen Stückzahlen, um so teurer werden diese Pflichten. Kleine Mittelständler mit vielfältigem Artikelspektrum und Kleinserien, bei denen sicher keine große Überproduktion zu erwarten ist, werden dadurch schwer benachteiligt.

Das Problem heißt Überproduktion – nicht Entsorgung

Extreme Überproduktion, Dumpingpreise und ultrakurze Trendzyklen belasten Umwelt und Märkte massiv. Doch das Verbot setzt am Ende der Wertschöpfungskette an – bei der Entsorgung. So bleiben die strukturellen Ursachen bestehen: aggressive Preismodelle, hohe Retourenquoten im Onlinehandel und extreme Schnelllebigkeit bei Ultra-Fast-Fashion-Anbietern wie Temu und Shein. Durch Vorgaben zur Entsorgung alleine reduzieren die Überproduktion nicht.

Realität im Mittelstand: Enge Margen, hohe Kosten

Gerade mittelständische Hersteller arbeiten mit deutlich geringeren Margen als große, vertikale Anbieter. Dennoch wollen und müssen sie am Online-Markt partizipieren. Doch die Wiederaufbereitung von Retouren ist für sie besonders aufwendig: prüfen, aufbereiten, neu verpacken, lagern, digital erfassen. Gerade bei Produkten mit niedrigerem Verkaufspreis, z. B. Unterwäsche, können die Kosten für diese Prozesse den Warenwert übersteigen, oder der erneute Versand ist aus Hygienegründen nicht möglich. Der Regelfall ist das aber nicht, denn kleinere Unternehmen produzieren nahe am Markt und am tatsächlichen Bedarf. Zu großen Überhängen  durch „absichtliche“ Überproduktion kommt es daher kaum, auch wenn sich Restanten nicht zu 100 % vermeiden lassen. Während internationale Konzerne über eigene ESG- und Compliance-Abteilungen verfügen, bedeutet das neue Reporting für viele KMU zusätzlichen administrativen Aufwand – Ressourcen, die dann bei Innovation und Standortstärkung fehlen.

„Second Life“ als Marketinginstrument?

Während der Mittelstand die Regulierungslasten der neuen Gesetzgebung trägt, passen globale Fast Fashion-Anbieter und Billig-Plattformen ihr Geschäftsmodell an. Einige haben längst Second-Life-Kanäle etabliert. Das ist öffentlichkeitswirksam und macht einen „nachhaltigen“ Eindruck. Für mittelständische Hersteller und Händler mit kleineren Stückzahlen sind solche Strukturen jedoch wirtschaftlich kaum darstellbar. Noch schlimmer: Das Narrativ verschiebt sich von „weniger konsumieren“ hin zu „schneller zirkulieren“.

Second-Life-Plattformen wie Sellpy (H&M) oder entsprechende Programme großer Onlineanbieter wie Shein vermitteln zwar ein nachhaltiges Image, ändern jedoch nichts am Grundproblem extrem hoher Produktionsmengen und schneller Trendzyklen. Solange das Kerngeschäft weiterhin auf Masse und permanenter Neuware basiert, sind Second-Life-Kanäle vor allem reputationswirksam – ohne das System der Überproduktion grundlegend zu verändern.

Second-Life: Teil der Verkaufsstrategie statt Mengenreduktion

Ein Beispiel: Shein betreibt das Second-Hand-Programm „SHEIN Exchange“, über das Kunden gebrauchte, zuvor bei Shein gekaufte Kleidung online weiterverkaufen und kaufen können. Das Angebot ist direkt in die Ultra-Fast-Fashion-Plattform integriert. Über ein Peer-to-Peer-Feature innerhalb der Shein-App können Kunden ihre eigenen früheren Kaufdaten nutzen, um Artikel schnell wieder einzustellen. Hier entsteht leicht der psychologische Effekt: „Ich kann es ja später wieder einstellen – also kaufe ich es jetzt.“ Die Möglichkeit des Weiterverkaufs senkt die Hemmschwelle für den Erstkauf, und die Kauffrequenz steigt.

Nachhaltigkeit braucht Augenmaß

Ressourcen zu schonen und textile Kreisläufe zu stärken, ist richtig. Doch der Standort braucht praktikable Regeln – keine zusätzliche Bürokratie, die vor allem den Mittelstand belastet. Politische Maßnahmen müssen gezielt strukturelle Fehlentwicklungen angehen, statt funktionierende mittelständische Strukturen zu schwächen oder Wettbewerbsnachteile gegenüber außereuropäischen Plattformanbietern zu verschärfen.

Aus Sicht von GESAMTMASCHE braucht es:

  • Ursachenbekämpfung statt Symbolpolitik

  • faire Wettbewerbsbedingungen

  • verhältnismäßige und praxistaugliche Berichtspflichten

  • gezielte Unterstützung des Mittelstands bei der Transformation

Eine zukunftsfähige Textil- und Bekleidungsindustrie entsteht durch kluge Rahmenbedingungen – nicht durch zusätzliche Belastungen.