Neue Risiken für internationale Lieferketten
Der Krieg im Iran und im Nahen Osten sorgt erneut für Unsicherheit im internationalen Warenverkehr. Für europäische und insbesondere deutsche Textil- und Bekleidungsunternehmen ist dies besonders relevant, da ein großer Teil der Bekleidung und Vorprodukte aus Asien importiert wird. Störungen entlang wichtiger Transportkorridore können daher schnell Auswirkungen auf Lieferzeiten und Kosten haben.
Engpass Straße von Hormus
Seit Beginn der militärischen Auseinandersetzungen haben nur wenige Schiffe die Straße von Hormus genutzt. Während Containerverkehre bislang nur indirekt betroffen sind, steigen die Ölpreise bereits. Häfen in Indien und Bangladesch melden erste Rückstaus, während Umschlaghäfen in Ostasien stärker ausgelastet sind, weil Container teilweise umgeleitet werden. Für europäische Importeure erhöht dies das Risiko von Verzögerungen entlang der Lieferketten.
Seefracht nach Europa leicht teurer
Die Containerpreise zeigen bislang moderate Veränderungen. Laut Freightos Baltic Index stiegen die Raten von Asien nach Nordeuropa um rund 6 % auf etwa 2.600 US-Dollar pro FEU, während die Preise nach Mittelmeerhäfen um etwa 2 % auf rund 3.700 US-Dollar pro FEU zulegten. Der Anstieg hängt derzeit vor allem mit der üblichen Nachfragebelebung nach dem chinesischen Neujahr zusammen. Allerdings verursachen steigende Ölpreise zusätzliche Kosten. Einige Reedereien haben bereits Treibstoffzuschläge zwischen 70 und 150 US-Dollar pro Container angekündigt.
Rückstaus in wichtigen Produktionsländern
Erste indirekte Auswirkungen zeigen sich bereits in wichtigen Textil-Exportländern wie Indien und Bangladesch. Beide Länder beliefern neben Europa auch zahlreiche Märkte im Nahen Osten. Durch die eingeschränkten Transportmöglichkeiten in die Golfregion entstehen dort zunehmend Rückstaus in den Exporthäfen, weil Container nicht wie geplant verschifft werden können oder Reedereien Buchungen vorübergehend aussetzen. Für europäische Unternehmen kann dies mittelfristig ebenfalls relevant werden: Wenn Container länger in asiatischen Häfen gebunden sind oder umgeleitet werden müssen, kann sich die Verfügbarkeit von Transportkapazitäten und damit auch die Lieferzeit nach Europa verlängern.
Luftfracht deutlich teurer
Spürbarer sind die Auswirkungen im Luftfrachtmarkt. Wegen der zeitweisen Luftraumsperrungen im Golfraum – einem zentralen Hub im globalen Luftfrachtverkehr – sind die Preise deutlich gestiegen. Die Raten von Südasien nach Europa legten um etwa 50 % auf rund 4 US-Dollar/kg zu, während die Preise von Südostasien nach Europa um rund 20 % auf über 4 US-Dollar/kg stiegen. Für Unternehmen, die kurzfristige Lieferungen wie Muster oder Kleinserien per Luftfracht transportieren, kann dies zu deutlich höheren Logistikkosten führen.
Logistik bleibt angespannt
Zwar zeigen sich inzwischen erste Anzeichen einer Stabilisierung: Der Flughafen Doha nimmt den Betrieb wieder weitgehend auf, und Flugverbindungen werden schrittweise ausgeweitet. Dennoch bleibt die Lage in der regionalen Logistik angespannt. Besonders in der Seefracht verschärfen sich die Probleme, da wichtige Umschlaghäfen wie Khor Fakkan unter wachsender Überlastung stehen. Reedereien bereiten daher zunehmend alternative Routen über Häfen wie Salalah (Oman) oder Jeddah (Saudi-Arabien) vor, während Verzögerungen bei Zollabfertigung und Straßentransporten die Weiterleitung von Waren in der Region erschweren.
US-Zölle erhöhen Unsicherheit im Welthandel
Zusätzliche Unsicherheit entsteht durch aktuelle Entwicklungen in der US-Handelspolitik. Nachdem der US-Supreme Court frühere Strafzölle für unzulässig erklärt hatte, führte die US-Regierung im Februar 2026 per Präsidialdekret einen globalen Zusatz-Importzoll von 10 % ein. Dieser gilt vorübergehend für nahezu alle Importwaren und soll maximal 150 Tage, also bis etwa Ende Juli 2026, bestehen bleiben. Die unrechtmäßig erhobenen Zölle , die seit 2025 auf erhoben wurden, belaufen sich insgesamt – je nach Schätzungen – auf 100 bis 130 Mrd. US-Dollar.
Parallel kündigte die Regierung an, den Zollsatz für bestimmte Länder oder Produktgruppen auf bis zu 15 % erhöhen zu können, während gleichzeitig neue Untersuchungen vorbereitet werden, die später zu gezielten länderspezifischen Strafzöllen führen könnten. Für europäische Textilexporteure bedeutet dies potenziell höhere Markteintrittskosten und zusätzliche Unsicherheit im transatlantischen Handel.
Lieferketten noch stabil, doch Vorsicht ist angebracht
Für europäische Textil- und Bekleidungsunternehmen bleiben die globalen Lieferketten derzeit grundsätzlich stabil. Dennoch erhöhen geopolitische Konflikte, steigende Energiepreise, deutlich teurere Luftfracht und handelspolitische Unsicherheiten die Risiken. Besonders Unternehmen mit engen Lieferketten aus Süd- und Südostasien sollten die Entwicklung von Transportkosten und Zollpolitik in den kommenden Monaten genau beobachten.
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