Antidumpingzoll auf BDO verteuert Elasthan Bild: © Prasit Rodphan - shutterstock_444327613

Antidumpingzoll auf BDO verteuert Elasthan

Mit Antidumpingzöllen auf 1,4-Butandiol (BDO) aus China, Saudi-Arabien und den USA will die EU die chemische Grundstoffproduktion schützen. Für die EU-Textilbranche bedeutet das weiteren Kostendruck.

Am 24. Juni 2026 verhängte die EU-Kommission Antidumpingzölle auf BDI-Einfuhren von über 100 % für chinesische Anbieter, rund 52 % für Saudi-Arabien und deutlich über 130 % für US-Produzenten. Nach Auffassung der EU-Kommission profitieren davon auch nachgelagerte Industrien, von der Textilbranche bis zur Automobilindustrie. Aus Sicht der EU-Textil- und Bekleidungsindustrie wirft diese Einschätzung jedoch erhebliche Fragen auf.

BDO ist kein Nischenprodukt, sondern ein wichtiger Grundstoff für zahlreiche textile Anwendungen. Über Zwischenprodukte entsteht daraus insbesondere Elasthan – eine Faser, die in Sport- und Funktionsbekleidung, Unterwäsche, Strumpfwaren und zahlreichen technischen Textilien unverzichtbar ist. Darüber hinaus wird BDO auch für TPU-Elastomere, Beschichtungen, Klebstoffe und weitere textile Spezialanwendungen benötigt.

Silvia Jungbauer, GESAMTMASCHE; Bild: GESAMTMASCHE

Durch Strafzölle auf wichtige Grundstoffe klafft die Preisschere zwischen Importware und europäischer Produktion noch weiter auseinander. Statt handelspolitisch zu intervenieren, sollte die EU-Kommission die Standortbedingungen in der EU für alle Hersteller verbessern – von der energieintensiven Rohstoffproduktion bis zur lohnintensiven Konfektion. Billig produzierte Fast-Fashion-Importe wie Sportshirts, Funktionswäsche oder Leggings aus Asien, die den EU-Markt zu extrem niedrigen Preisen überschwemmen, werden sonst noch weiter zunehmen.

Silvia Jungbauer, Hauptgschäftsführerin Gesamtmasche

Wettbewerbsfähigkeit gerät weiter unter Druck

Kritisch ist dabei, dass Antidumpingmaßnahmen lediglich den EU-Markt abschirmen. Hersteller außerhalb der EU können BDO weiterhin zu Weltmarktpreisen beziehen und ihre Waren anschließend – oftmals zollfrei oder zu niedrigen Zollsätzen – nach Europa exportieren. Der Preisnachteil trifft daher vor allem die Produktion innerhalb der EU. Die Verteuerung zentraler Vorprodukte verschlechtert folglich die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Weiterverarbeiter.

Die Elasthanproduktion in Europa ist in den letzten Jahren stark geschrumpft und konzentriert sich auf die Anbieter ROICA, Radici und Lycra.  Ausländische Marktführer wie Hyosung TNC / Creora (Türkei), Karsu Tekstil & Texvista (Türkei) befinden sich direkt vor den Toren der EU. Daneben gibt es riesige chinesische Exporteure wie Huafon Spandex. Sie haben weiterhin Zugriff auf günstiges BDO zu Weltmarktpreisen, was die Hersteller von Elasthan in der EU weiter unter Druck setzt.

Schutz einzelner Stufen – Risiko für die gesamte Wertschöpfungskette

Grundsätzlich sind Antidumpingmaßnahmen ein legitimes handelspolitisches Instrument, wenn nachweislich unfaire Handelspraktiken vorliegen. Problematisch wird es jedoch, wenn der Schutz einer kleinen Zahl vorgelagerter Produzenten zulasten einer deutlich größeren Zahl nachgelagerter Unternehmen erfolgt. Die Kommission kommt in ihrer Unionsinteressenprüfung zu dem Ergebnis, dass die Vorteile für die europäische BDO-Produktion wichtiger sind als die Nachteile aller Verwender. Diese Abwägung erscheint aus Sicht der Textilindustrie keineswegs selbstverständlich. Entscheidend ist nicht allein der Schutz einiger Chemieproduzenten, sondern ob dadurch die industrielle Wertschöpfung insgesamt gestärkt wird. Wenn steigende Vorleistungskosten dazu führen, dass textile Produktion weiter aus Europa abwandert, könnte der Nettoeffekt für Beschäftigung, Investitionen und industrielle Resilienz negativ ausfallen.

Industriepolitik muss die gesamte Lieferkette im Blick behalten

Der Fall BDO verdeutlicht ein grundlegendes Dilemma der europäischen Industriepolitik. Einerseits möchte die EU strategische Grundstoffproduktionen erhalten. Andererseits hängen an diesen Vorprodukten vielfach deutlich größere industrielle Wertschöpfungsstufen. Gerade in der Textilindustrie, in der Materialkosten häufig den größten Anteil an den Produktionskosten ausmachen, können deutliche Preissteigerungen die internationale Wettbewerbsfähigkeit empfindlich beeinträchtigen.

Eine erfolgreiche Industriepolitik sollte daher nicht einzelne Produktionsstufen isoliert betrachten, sondern die gesamte industrielle Wertschöpfungskette. Denn am Ende entscheidet nicht allein, ob ein Grundstoff in Europa hergestellt wird – sondern ob auch die Unternehmen, die daraus innovative Produkte fertigen, langfristig wettbewerbsfähig bleiben.