Die Reform des Unionszollkodex (UZK) nimmt konkrete Formen an. Ihr Herzstück ist der EU Customs Data Hub, in dem künftig umfangreiche Zoll-, Produkt- und Lieferkettendaten zusammenlaufen sollen. Die EU verspricht einfachere Verfahren und bessere Kontrollen. Für die Textil- und Modeindustrie birgt die neue Datenarchitektur jedoch erhebliche Risiken: zusätzliche Datenpflichten, weitreichende Behördenzugriffe und die mögliche Offenlegung sensibler Geschäftsinformationen.
Seit der politischen Einigung auf die UZK-Reform im März 2026 sind viele Details klarer geworden. Die Reform verändert die Architektur der europäischen Zollabwicklung grundlegend. Im Mittelpunkt steht der EU Customs Data Hub. Er soll die heutige fragmentierte IT-Landschaft schrittweise ablösen und zur zentralen europäischen Plattform für Zolldaten werden. Unternehmen sollen Informationen dort bereitstellen, Zollbehörden sie unionsweit für Risikoanalysen und Kontrollen nutzen können. Die EU-Kommission spricht von einem umfassenden Überblick über Lieferketten und Warenbewegungen und verspricht gleichzeitig Entlastung: Unternehmen sollen Daten möglichst nur einmal übermitteln müssen. Doch genau hier ist Vorsicht geboten.
„Once only“ heißt nicht automatisch weniger Bürokratie
Ob der Data Hub tatsächlich zu weniger Bürokratie führt, hängt nicht nur davon ab, wie oft Unternehmen Daten melden müssen. Entscheidend ist zunächst, welche und wie viele Daten überhaupt verlangt werden. Produktionsstandorte, Lieferantenstrukturen, Materialinformationen oder Warenströme können sensible Geschäftsinformationen sein. Deshalb muss klar begrenzt werden, welche Daten für Zollzwecke tatsächlich erforderlich sind, wer darauf zugreifen darf und wofür sie verwendet werden können.
Eine zentrale europäische Datenarchitektur darf nicht nach dem Prinzip entstehen: Was digital vorhanden ist, kann auch für weitere Verwaltungszwecke genutzt werden. „Once only“ muss mit einem zweiten Grundsatz verbunden werden: nur so viele Daten wie tatsächlich notwendig.
Während die europäische Industrie immer transparenter werden soll, gelangen problematische Warenströme weiterhin durch das Kontrollnetz. Der neue UZK muss daran gemessen werden, ob er Verfahren tatsächlich vereinfacht und den Binnenmarkt besser schützt – nicht daran, wie viele Daten sich künftig zentral sammeln lassen.
Silvia Jungbauer, Hauptgeschäftsführerin Gesamtmasche
Digitaler Produktpass und Zoll wachsen zusammen
Besonders kritisch erscheint die geplante Verknüpfung mit dem Digitalen Produktpass (DPP). Im Textilbereich soll der DPP ohnehin erhebliche, für KMU womöglich kaum erfüllbare neue Informationsanforderungen mit sich bringen. Gleichzeitig ist vorgesehen, DPP und Zollsysteme technisch miteinander zu verbinden.
Damit stellt sich eine grundsätzliche Frage: Welche Daten aus dem DPP benötigt der Zoll tatsächlich? Nicht jede Information, die etwa für Kreislaufwirtschaft, Nachhaltigkeitsanforderungen oder Verbraucherinformation erhoben wird, ist automatisch eine erforderliche Zollinformation. Die technische Möglichkeit, Daten auszutauschen, darf nicht zu einer schleichenden Ausweitung staatlicher Zugriffsrechte führen. Für Unternehmen sind klare Zweckbindungen und Zugriffsrechte sowie ein wirksamer Schutz von Geschäftsgeheimnissen unverzichtbar.
Mehr Daten müssen zu besseren Kontrollen führen
Mit der neuen EU-Zollbehörde in Lille soll das Risikomanagement stärker auf EU-Ebene koordiniert werden. Die Behörde soll die Daten des Customs Data Hub analysieren und dazu beitragen, besonders riskante Warenströme gezielter zu kontrollieren. Das kann sinnvoll sein. Aktuell schwächen unterschiedliche Kontrollpraktiken der Mitgliedstaaten den Binnenmarkt.
Die entscheidende Frage ist jedoch, ob die zusätzlichen Daten tatsächlich zu wirksameren Kontrollen führen. Es wäre wenig gewonnen, wenn regelkonform arbeitende europäische Unternehmen immer transparenter werden, während nicht konforme Importe weiterhin durch das Kontrollnetz gelangen.
Gerade bei Textilien und Bekleidung müssen Zoll und Marktüberwachung besser zusammenarbeiten. Zusätzliche Datenanforderungen sind nur dann gerechtfertigt, wenn sie einen konkreten Beitrag dazu leisten, unsichere, falsch deklarierte oder nicht regelkonforme Produkte zu erkennen.
Trust & Check: Vereinfachung gegen Transparenz
Auch der neue Trust-&-Check-Status verdient einen kritischen Blick. Besonders vertrauenswürdige Unternehmen sollen zusätzliche Vereinfachungen erhalten, wenn sie den Zollbehörden weitreichenden Zugang zu ihren Daten ermöglichen. Der bestehende AEO-Status bleibt erhalten. Dennoch darf sich kein System entwickeln, in dem effiziente Zollverfahren zunehmend nur noch gegen umfassende Unternehmenstransparenz erhältlich sind. Bewährte AEO-Vereinfachungen dürfen nicht schleichend entwertet werden.
Einzelaspekt Kleinsendungen
Große politische Aufmerksamkeit erhielt zuletzt die Abschaffung der bisherigen 150-Euro-Zollfreigrenze. Seit Juli gelten für niedrigwertige Sendungen neue Regeln; weitere Maßnahmen für den E-Commerce folgen. Für die Textilbranche ist das angesichts der enormen Zahl von Direktimporten relevant.
Die politische Debatte um asiatische Ultra Fast Fashion ließ bei vielen Unternehmern den Eindruck entstehen, der Zoll auf Kleinsendungen sei quasi das Herzstück der UZK-Reform. Der grundlegende Systemwechsel liegt in der neuen Datenarchitektur, dem europäischen Risikomanagement und der Frage, wie weit Unternehmen ihre Produkt- und Lieferkettendaten künftig für Zollzwecke verfügbar machen müssen. Tatsächlich ist die Abschaffung der Zollfreigrenze eine bedeutsame Maßnahme im Kampf gegen unfairen Wettbewerb – auch wenn sie längst nicht ausreicht und leider auch teuer und nicht immer treffsicher ist.
Mehr zum 3-Euro-Zoll auf Kleinsendungen hier.
Die EU muss den Nutzen beweisen
Der Customs Data Hub kann Zollverfahren vereinfachen und Kontrollen verbessern. Ob er das tatsächlich tut, muss sich aber erst zeigen. Für die weitere Umsetzung braucht es deshalb klare Leitplanken: Datensparsamkeit, klare Zweckbindung, begrenzte Zugriffsrechte, Schutz von Geschäftsgeheimnissen und keine Doppelmeldungen zwischen DPP, Customs Data Hub und anderen EU-Systemen. Vor allem muss ein konkreter Nutzen zusätzlicher Datenanforderungen für die Zollkontrolle erkennbar sein.
Bild: OpenAI
