Kurzversion für Schnellleser:
- Große Pläne: Die EU-Kommission wollte die Textilkennzeichnung weit über Faserangaben hinaus um Umwelt-, Kreislauf- und weitere Produktinformationen erweitern. Damit drohte neben dem Digitalen Produktpass ein zweites umfassendes Informationssystem.
- Zeitplan gerissen: Der für das zweite Quartal 2026 angekündigte Reformvorschlag liegt bis heute nicht vor. Einen neuen Termin gibt es bislang nicht.
- Industrie fordert klare Grenzen: EURATEX sowie eine breite Verbändekoalition sprechen sich für eine fokussierte TLR aus. Im Mittelpunkt sollen Faserzusammensetzung, technische Regeln, Digitalisierung und Harmonisierung stehen – weitergehende Produktinformationen gehören in ESPR und DPP.
- Bestehende Regeln funktionieren noch nicht ausreichend: Bei einer EU-Kontrollaktion waren 37 Prozent der untersuchten Kleidungsstücke falsch hinsichtlich ihrer Faserzusammensetzung gekennzeichnet. GESAMTMASCHE kam bei Testkäufen auf Billig-Plattformen bereits 2024 zu ähnlich problematischen Ergebnissen.
- Modernisieren statt überfrachten: Reformbedarf besteht etwa bei neuen Fasern, Toleranzen und digitaler Kennzeichnung. Eine zusätzliche Umwelt- und Kreislaufkennzeichnung über die TLR würde dagegen Doppelstrukturen und zusätzliche Bürokratie schaffen.
Die geltende Textilkennzeichnungsverordnung (EU) Nr. 1007/2011 regelt vor allem Faserbezeichnungen und die Kennzeichnung der Faserzusammensetzung. Im Zuge der EU-Textilstrategie hatte die Kommission jedoch deutlich größere Pläne: Eine umfassende physische und digitale Kennzeichnung sollte Verbraucher über weitere Produkteigenschaften informieren – mit besonderem Fokus auf umweltrelevante Angaben.
Damit drohte die Textilkennzeichnung zu einer Art zweitem Produktpass zu werden. Denn viele der diskutierten Informationen sollen künftig ohnehin über die Ökodesign-Verordnung ESPR und den Digitalen Produktpass (DPP) geregelt werden.
Zeitplan bereits gerissen
Eigentlich sollte der Kommissionsvorschlag zur Überarbeitung der Textilkennzeichnungsverordnung im zweiten Quartal 2026 vorliegen. Dieser Termin ist verstrichen. Die Kommissionswebsite nennt weiterhin den inzwischen überholten Zeitplan. Einen neuen Veröffentlichungstermin gibt es bislang aber nicht.
Industrie fordert Konzentration aufs Wesentliche
EURATEX hatte sich bereits früh gegen eine Überfrachtung der Textilkennzeichnung ausgesprochen. Nach Auffassung des europäischen Textilverbands sollte sich die Verordnung im Kern auf zwei Säulen konzentrieren: Faserzusammensetzung und Pflegekennzeichnung. Digitalisierung sowie weitere technische Aspekte können das Regelwerk ergänzen. Neue Informationspflichten müssen dagegen mit den zahlreichen anderen EU-Regelungen für Textilien abgestimmt werden.
Im Juni 2026 haben EuroCommerce, FESI, Policy Hub, EBCA und Recycling Europe diese Stoßrichtung nochmals deutlich zugespitzt. Sie fordern eine gezielte und verhältnismäßige Reform und wollen die TLR ausdrücklich als „technisches und fokussiertes“ Regelwerk erhalten. Insbesondere sollen Faserbezeichnungen und Toleranzen modernisiert, digitale Kennzeichnung ermöglicht und nationale Sonderanforderungen harmonisiert werden. Weitergehende Ökodesign- und Produktinformationen gehören zum Aktionsfeld Ökodesign und Digitaler Produktpass.
Erst einmal die bestehenden Regeln durchsetzen!
Dass es bereits bei der klassischen Textilkennzeichnung hapert, zeigt eine Marktüberwachungsaktion der EU-Kommission („JACOP“), deren Ergebnisse im Frühjahr 2026 veröffentlicht wurden: Bei 49 von 132 untersuchten Kleidungsstücken – rund 37 Prozent – stimmten die Angaben zur Materialzusammensetzung nicht mit den Testergebnissen überein. Bevor die Kennzeichnung um immer neue Umwelt-, Kreislauf- und Prozessinformationen erweitert wird, sollte deshalb zunächst sichergestellt werden, dass die grundlegenden Vorgaben zur Faserzusammensetzung von sämtlichen Marktakteuren eingehalten werden.
JACOP untermauert die Untersuchungsergebnisse von GESAMTMASCHE zu Testkäufen 2024 auf einschlägigen Billig-Plattformen: Praktisch alle Produkte, die aus Mischungen von Natur- und synthetischen Fasern bestanden, wiesen tatsächlich viel niedrigere Naturfaseranteile auf als auf dem Etikett angegeben. Auch die Herstellerangabe war meist unzureichend oder fehlte ganz. Diese Verstöße gelten wettbewerbsrechtlich regelmäßig als wesentlich – und wären eine so einfache wie gute Basis, um gegen Fast-Fashion-Formate vorzugehen.
Sinnvoller Reformbedarf
Sinnvoller Reformbedarf besteht durchaus: Neue Fasern müssen schneller berücksichtigt, technische Regeln und Toleranzen aktualisiert, digitale Kennzeichnung ermöglicht und nationale Sonderanforderungen möglichst vereinheitlicht werden. Mit einer aktuellen Ausschreibung zeigt die EU-Kommission, dass gerade diese technische Seite für sie Gewicht hat: Die DG GROW sucht für bis zu 1 Mio. Euro einen Dienstleister für einen vierjährigen Rahmenvertrag zur technischen Analyse innovativer Textilfasern und weitere Leistungen zur Unterstützung der Textilkennzeichnungsverordnung.
Der Bedarf an einer Modernisierung der TLR ist also unbestritten. Entscheidend ist jedoch, was modernisiert wird. Umwelt-, Kreislauf- und weitere Produktinformationen zusätzlich über die Textilkennzeichnung abzubilden, während parallel der DPP aufgebaut wird, würde neue Doppelstrukturen und zusätzliche Bürokratie schaffen. Die TLR sollte sich deshalb auf ihre eigentliche Stärke konzentrieren: klare, verlässliche und EU-weit einheitliche Regeln zur Textilkennzeichnung.
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