EU-Mercosur: Handelsabkommen auf der Zielgeraden

EU-Mercosur: Handelsabkommen auf der Zielgeraden

 Am 9. Januar 2026 hat der Rat der EU grünes Licht für die Unterzeichnung des EU-Mercosur-Abkommens gegeben. Was bedeutet der neue Handelspakt für die deutsche Textil- und Modeindustrie?

Mit der Billigung des Rates ist ein zentraler Schritt im europäischen Ratifizierungsprozess erreicht – das Abkommen ist jedoch noch nicht in trockenen Tüchern: Die politische Debatte bleibt kontrovers, und die Zustimmung des Europäischen Parlaments ist weiterhin die entscheidende Hürde.

Zwei Abkommen statt eines: Handelsteil soll schneller greifen

Neu ist dabei insbesondere die geplante Aufteilung des Gesamtpakets in zwei rechtlich getrennte Teile:

  • Interim Trade Agreement (iTA): der handelspolitische Kern (Warenhandel, Ursprungsregeln, Zollabbau, Nachhaltigkeitskapitel, Streitbeilegung etc.) – dieser Teil kann nach Zustimmung des Europäischen Parlaments vorläufig angewendet werden.

  • EU-Mercosur Partnership Agreement (EMPA): der weitergehende Teil mit politischer Kooperation, der von allen Mitgliedstaaten ratifiziert werden muss.

Für die exportorientierte deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie ist diese Konstruktion besonders relevant: Der Zollabbau und die verbesserten Marktzugangsbedingungen könnten deutlich früher greifen, selbst wenn die vollständige Ratifizierung des Gesamtpakets politisch noch Zeit benötigt.

Nächster Schritt: Europäisches Parlament – Abstimmung voraussichtlich im Frühjahr

Nach der Ratsbilligung soll Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen das Abkommen bei einem Besuch in der Region offiziell unterzeichnen. Danach liegt der Ball beim Europäischen Parlament: Für den handelspolitischen Teil ist eine Zustimmung mit einfacher Mehrheit erforderlich.

Gleichzeitig bleibt der politische Druck hoch: Gegner des Abkommens setzen weiterhin auf Verfahrens- und Rechtshebel – einschließlich der Diskussion, ob die Aufteilung in iTA und EMPA juristisch überprüft werden sollte. Das zeigt: Die Umsetzung ist möglich, aber politisch weiterhin fragil.


Was bringt das Abkommen der deutschen Textil- und Bekleidungsindustrie?

Mercosur: großer Markt – bislang hohe Hürden

Mercosur (Argentinien, Brasilien, Paraguay, Uruguay) zählt zu den bevölkerungsreichen und wachsenden Absatzmärkten außerhalb Europas. Gleichzeitig gilt die Region als marktabschottend, insbesondere über hohe Zölle und teils schwer kalkulierbare Importverfahren. Die EU-Kommission bewertet das Abkommen daher explizit als Schritt zu einem systematisch verbesserten Marktzugang und zu mehr Planbarkeit für EU-Unternehmen.

Für deutsche Hersteller und Marken aus Textil, Bekleidung und Mode steht vor allem im Fokus:

  • Zollabbau auf Exportprodukte (Bekleidung, Heimtextilien, technische Textilien)

  • schnellere und verlässlichere Zollverfahren

  • klare Ursprungsregeln für international verzweigte Lieferketten

  • Schutz von IP/Marken und stabilere Rahmenbedingungen für Vertrieb & E-Commerce

Zollabbau: Textilkapitel profitieren früh – Mercosur baut schrittweise ab

Aus Branchensicht zentral ist der Zollabbau für HS-Kapitel 50–63 (Textilien und Bekleidung). Nach den im Abkommen vorgesehenen Zeitplänen sollen große Teile der Mercosur-Zölle innerhalb von bis zu acht Jahren entfallen – ein spürbarer Hebel für europäische Exporteure, die bislang im Wettbewerb mit regionalen oder asiatischen Anbietern oft strukturelle Kostennachteile hatten. (Grundlage: Kapitel „Trade in goods“ und Zollabbau-Annex im iTA.)

Auf EU-Seite werden die Zölle in vielen textilen Bereichen bereits ab Inkrafttreten reduziert oder vollständig abgebaut – ein Signal auch für Import- und Beschaffungsmodelle der Branche.

Ursprung und Kumulierung: Knackpunkt bei komplexen Lieferketten

Nur Produkte mit Präferenzursprung kommen in den Genuss von Zollvorteilen. Für die Textil- und Bekleidungsindustrie sind Ursprungsregeln daher regelmäßig der entscheidende Punkt, ob ein Abkommen praktisch nutzbar ist.  Das iTA enthält ein Ursprungskapitel samt produktbezogenen Regeln und Nachweisvorgaben. Im Bereich Textil und Bekleidung orientieren sich die Regeln grundsätzlich am Modell der Zweistufigkeit. Die im iTA vorgesehene bilaterale volle Kumulierung bringt hierbei nur im Einzelfall Erleichterung. Mit Vormaterialien, die aus Ländern außerhalb der EU und des Mercosur stammen – etwa aus Großbritannien, der Schweiz oder der Türkei – kann nicht kumuliert werden. Unternehmen, die mit mehrstufigen Produktionsketten arbeiten – etwa durch Kombination von Vormaterialien, Veredelung und Konfektion in unterschiedlichen Ländern – müssen prüfen, ob sie die Ursprungsregeln überhaupt erfüllen können bzw. ob sich eine Anpassung der Lieferketten (Sourcing und PRoduktion in der EU und im Mercosur) für sie lohnen könnte.


Wo liegen aus Mode-Sicht die Schwachstellen?

Schuhe und Accessoires: Mercosur bleibt hart – Problem für ganzheitliche Kollektionen

Ein zentraler Kritikpunkt aus Sicht vieler Modeunternehmen: Während die EU beim Abbau von Zöllen in bestimmten Bereichen (z. B. Schuh/Leder) weitgehende Öffnungen vorsieht, sind die Zugeständnisse der Mercosur-Seite hier deutlich begrenzter. Das ist strategisch relevant, weil viele Unternehmen Kollektionen ganzheitlich anbieten – Bekleidung plus Schuhe, Taschen und Accessoires.

Für exportierende Marken kann das bedeuten: Textile Teile werden günstiger, das kommerzielle Gesamtpaket bleibt aber gebremst, weil einzelne Warengruppen weiterhin mit hohen Zollsätzen belegt sind.

Politische Debatte kann Umsetzung verzögern

Auch wenn die wirtschaftlichen Argumente für exportorientierte Industrien stark sind, bleibt das Abkommen politisch umkämpft – insbesondere im Kontext von Landwirtschaft, Nachhaltigkeit und Entwaldung. Das spiegelt sich in den offenen Mehrheitsverhältnissen und den anhaltenden Widerständen in mehreren EU-Mitgliedstaaten wider.


Fazit: Große Chance – aber nur, wenn der Handelsteil wirklich ins Laufen kommt

Für die deutsche Textil- und Bekleidungsindustrie bietet das EU-Mercosur-Abkommen echte Marktzugangsperspektiven: weniger Zölle, klarere Regeln und bessere Planbarkeit in einer Region, die bislang durch hohe Handelsbarrieren geprägt ist. Der wichtigste Punkt ist dabei die Aufteilung in iTA und EMPA, weil sie die Chance eröffnet, den wirtschaftlich relevanten Teil früher wirksam werden zu lassen.

Entscheidend wird nun die Abstimmung im Europäischen Parlament. Gelingt die Zustimmung, kann der Handelsteil vorläufig angewendet werden – und damit der Zollabbau starten. Bleibt die politische Blockade jedoch bestehen oder werden zusätzliche juristische Prüfungen angestoßen, drohen mehrjährige Verzögerungen, die Unternehmen in einem ohnehin volatilen globalen Umfeld kaum gebrauchen können.

Mitgliedsfirmen können die PDF-Versionen des Kapitels über die Ursprungsregeln und die Zeitpläne für die Abschaffung der Zölle für die EU und den Mercosur bei Gesamtmasche abrufen.