Neues EU-Präferenzschema ab 2027 Bild: © Gerd Altmann - pixabay.com

Neues EU-Präferenzschema ab 2027

Die Uhr für die globale Textilbeschaffung wird neu gestellt: Das neue Schema für Entwicklungsländerzölle ab 2027 könnte Beschaffungsstrukturen bald deutlich verändern.

Drei Jahre länger als geplant lief das bisherige Allgemeine Präferenzsystem für Entwicklungsländer (APS) der EU. Nun ist klar: Zum 1. Januar 2027 kommt die Neuregelung. Was technisch klingt, hat handfeste Folgen für Lieferketten, Wettbewerbsfähigkeit und Standortentscheidungen in der Textil- und Bekleidungswirtschaft.

Nach der Zustimmung des Handelsausschusses des EU-Parlaments (INTA) am 27. Januar 2026 gilt die politische Einigung über das neue APS als abgeschlossen. Die Abstimmung im Plenum ist für April 2026 vorgesehen und gilt als Formsache, da auch die Mitgliedstaaten bereits zugestimmt haben. Anschließend folgt die formelle Annahme und Veröffentlichung der Verordnung im EU-Amtsblatt, womit das neue Präferenzschema rechtlich endgültig beschlossen ist. Angewendet wird es ab dem 1. Januar 2027, 2026 gilt als Übergangs- und Vorbereitungsphase

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Für Länder wie Bangladesch beginnt ein Countdown bis zur Graduierung – wenn auch nicht über Nacht. Der Anpassungsdruck in der Beschaffung wird weiter steigen.

Silvia Jungbauer, GESAMTMASCHE e. V.

 
Kein harter Schnitt – doch Änderungen brauchen Zeit

Trotz des festen Startdatums 2027 handelt es sich nicht um einen abrupten Schnitt. Produktgraduierungen erfolgen nicht automatisch, sondern auf Basis mehrjähriger Importdaten und durch gesonderte Entscheidungen der EU-Kommission. Die neue, abgesenkte Graduierungsschwelle von 37 Prozent für die Bereiche Textil und Bekleidung gilt zwar ab 2027, dürfte aber erst in den Folgejahren praktisch greifen. Somit können erste neue Graduierungsentscheidungen frühestens er 2029 wirksam werden.

 

Bangladesch verliert den EBA-Status

Gerade für Bangladesch ist diese zeitliche Staffelung zentral. Ab November 2026 wird das Land nicht mehr zur Gruppe der ärmsten Entwicklungsländer (LDCs) gerechnet. Damit verliert es seinen Status unter der „Everything But Arms“-Regelung, die Bangladesch bisher nicht nur den Zugang zum EU-Markt zum Nullzoll garantiert, sondern auch dafür sorgte, dass Graduierungsregeln nicht greifen. Mit dem Übergang in das Standard-APS wird die Graduierung aber relevant. Erlangt Bangladesch den Sonderstatus APS+, wäre es zwar erneut vor der Graduierung gefeit – jedoch nicht vor dem neuen Schutzmechanismus, den die EU in den Bereichen Textil und Bekleidung ziehen kann, wenn ein Land den Anteil von 37 % am EU-Gesamtimport in einem Sektor überschreitet.

 

Verschärfte Spielregeln beeinflussen Beschaffungsentscheidungen

Die Grundarchitektur des APS bleibt zwar erhalten – Standard-APS, APS+ und EBA –, doch hinter dieser Kontinuität verbirgt sich eine Verschärfung der Spielregeln. Das neue Schema soll Entwicklung fördern, gleichzeitig aber verhindern, dass der EU-Markt über Präferenzwege mit Billig- oder Dumpingware geflutet wird. Länder mit stark auf Bekleidung konzentrierten Exporten könnte seine Präferenzen deutlich schneller verlieren als bisher – mit spürbaren Folgen für europäische Einkaufsstrategien und Investitionsentscheidungen vor Ort.

 

2027 als Zäsur: Wenn Präferenzen schneller enden

Besonders einschneidend ist die Absenkung der sogenannten Graduierungsschwelle für Bekleidung. Ab 2027 gelten Länder im Bereich Textil und Bekleidung (APS-Sektoren S-11a and S-11b) bereits dann als „zu wettbewerbsfähig“, wenn sie 37 Prozent der EU-Importe erreichen – bislang lag dieser Wert bei 47,2 Prozent. Damit wird der Präferenzentzug wahrscheinlicher als bisher.

Hinzu kommt der Safeguard-Mechanismus, der ebenfalls bei 37 Prozent greift und – anders als die klassische Graduierung – auch für APS+-Länder gilt. Die EU erhält damit ein Instrument, um bei Marktstörungen kurzfristig einzugreifen. Für europäische Hersteller ist das ein klares Signal: Das APS ist kein Automatismus mehr, sondern ein aktiv gesteuertes handelspolitisches Werkzeug. Rein rechnerisch betrachtet würde es neben der sektoralen Graduierung Bangladeschs auch bald das Aus der Präferenzen für Pakistan bedeuten.

 

Sensibel bleibt sensibel

Trotz aller Reformen bleiben Bekleidung und Schuhe als sensible Produkte eingestuft. Vollständige Zollfreiheit gibt es im Standard-APS weiterhin nicht. Diese Entscheidung ist industriepolitisch gewollt: Sie begrenzt den Präferenzvorteil und schützt den unter starkem Wettbewerbsdruck stehenden europäischen Sektor. Gleichzeitig sinkt damit aber auch der entwicklungspolitische Hebel des APS für klassische Textilländer.

 

Freihandelsabkommen verändern das Spielfeld

Parallel zum neuen APS verschieben sich die Koordinaten des europäischen Außenhandels durch Freihandelsabkommen (FTAs). Die EU und Indien haben bereits erfolgreich ein Abkommen ausgehandelt, das Anfang 2027 zur Anwendung kommen dürfte. Neben dem längst überfälligen Abbau indischer Zollschranken und nicht-tarifärer Hemmnisse verschaffte es dem indischen Textilsektor einen deutlich besseren Marktzugang zu EUR als das heutige Standard-APS. Ähnliches gilt für mehrere ASEAN-Staaten, mit denen bilaterale Abkommen bestehen oder geplant sind.

Für europäische Unternehmen bedeutet das: Während APS-Vorteile zeitlich begrenzt und an Größenbedingungen geknüpft sind, schaffen FTAs langfristige, rechtssichere Präferenzräume. Lieferketten könnten sich daher stärker in Richtung FTA-Partner verschieben – zulasten klassischer APS-Länder.

 

Der kritische Punkt: Umgehung verhindern

Gerade vor diesem Hintergrund wird entscheidend sein, ob die EU ihre Ankündigung ernst macht, Umgehung und Missbrauch konsequent zu unterbinden. Minimale Verarbeitungsschritte in APS-begünstigten Ländern oder zweifelhafte Ursprungsnachweise stehen seit Jahren in der Kritik. Das neue APS verschärft die Kontroll- und Sanktionsmöglichkeiten – auf dem Papier. Ob daraus faire Wettbewerbsbedingungen entstehen, hängt von der Praxis ab: von risikobasierten Zollkontrollen, administrativer Zusammenarbeit und der Bereitschaft, Präferenzen notfalls auch tatsächlich auszusetzen.

 

Der Anpassungsdruck steigt

Das neue APS markiert zwar keinen Bruch, aber eine klare Zäsur. Für Länder wie Bangladesch beginnt ein Countdown bis zur Graduierung – wenn auch nicht über Nacht. Für europäische Hersteller wächst die Chance auf besseren Wettbewerbsschutz, zugleich steigt der Anpassungsdruck in der Beschaffung. Und mit jedem neuen Freihandelsabkommen wird deutlicher: Auch Entwicklungsländerpräferenzen sind kein Dauerzustand, sondern Teil einer strategischen Handelspolitik.