Digitaler Produktpass: massive Belastung für den textilen Mittelstand Bild: © Xavier Turpain – pixabay.com

Digitaler Produktpass: massive Belastung für den textilen Mittelstand

2027 soll der "DPP Textil" festgezurrt werden. Eine aktuelle EU-Konsultation verdeutlicht die drohende finanzielle und bürokratische Belastung. GESAMTMASCHE stellt die Sinnfrage: Lohnt sich das? 

Die EU plant im Rahmen der neuen Ökodesign-Verordnung (ESPR) einen Digitalen Produktpass (DPP) für Textilien. Künftig sollen umfangreiche digitale Informationen zu Produkten entlang ihres gesamten Lebenszyklus bereitgestellt werden – etwa zu Materialien, Haltbarkeit, Reparierbarkeit, Recyclingfähigkeit oder Umweltwirkungen. GESAMTMASCHE hat sich an der laufenden EU-Konsultation beteiligt und warnt vor enormen regulatorischen Belastungen für die textile mittelständische Wirtschaft.

Die geplanten Vorgaben reichen weit über bestehende Kennzeichnungspflichten hinaus. Diskutiert werden unter anderem verpflichtende Angaben zu Recyclingfähigkeit, Umwelt- und CO₂-Fußabdrücken, Reparierbarkeit, chemischen Stoffen, Haltbarkeitsscores sowie umfangreiche Daten- und Nachweispflichten entlang der gesamten Lieferkette.

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„Der derzeit diskutierte Digitale Produktpass droht zu einem hochkomplexen Bürokratieprojekt zu werden, dessen Nutzen für Verbraucher und Umwelt vielfach nicht belastbar nachgewiesen ist. Gleichzeitig stehen insbesondere mittelständische Textilunternehmen vor enormen technischen, administrativen und finanziellen Belastungen. Wenn Nachhaltigkeit am Ende vor allem zusätzliche Bürokratie und prohibitiv hohe Kosten erzeugt, ohne praktikable Lösungen für die Branche zu schaffen, läuft die Regulierung am Ziel vorbei.“

Silvia Jungbauer, Hauptgeschäftsführerin GESAMTMASCHE

Umfangreiche neue Anforderungen geplant

Der entsprechende delegierte Rechtsakt für Bekleidungstextilien wird derzeit für 2027 erwartet. Bereits die aktuelle Konsultation zeigt jedoch, welche enorme Komplexität mit dem DPP verbunden sein könnte. Der Fragebogen umfasst zahlreiche mögliche Informationspflichten, technische Anforderungen und Nachweissysteme – von Recycling- und Umweltinformationen bis hin zu detaillierten Datenanforderungen entlang der gesamten Lieferkette.

GESAMTMASCHE unterstützt grundsätzlich praktikable und verhältnismäßige Nachhaltigkeitsansätze. Viele der derzeit diskutierten Anforderungen müssen aus Sicht des Verbandes jedoch kritisch hinterfragt werden – insbesondere hinsichtlich ihres tatsächlichen Mehrwerts, ihrer wissenschaftlichen Belastbarkeit und ihrer Praxistauglichkeit für Unternehmen.

Hohe Kosten bei unklarem Nutzen

Besonders kritisch sieht die Branche den erheblichen administrativen und technischen Aufwand, der mit dem DPP verbunden wäre. Nach Rückmeldungen aus der Industrie würde bereits die zusätzliche digitale Bereitstellung heute verpflichtender Textilkennzeichnungen erhebliche Investitionen in IT-Systeme, Datenmanagement, Schnittstellen, Personal und laufende Pflegeprozesse erfordern.

Experten aus den Unternehmen gehen davon aus, dass allein dadurch Preissteigerungen von rund zehn Prozent notwendig werden könnten, um die zusätzlichen Kosten aufzufangen und Margen zu erhalten. Zudem bestehen erhebliche Zweifel daran, ob viele der diskutierten Kennzahlen und Bewertungssysteme etwa zur Umweltwirkung, Haltbarkeit oder Recyclingfähigkeit von Produkten überhaupt belastbar, vergleichbar oder für Verbraucher sinnvoll nutzbar sind.

Mittelstand besonders betroffen

Vor allem kleine und mittlere Unternehmen wären von den geplanten Anforderungen besonders betroffen. Viele textile KMU arbeiten mit kleinen Produktionsmengen, häufig wechselnden Kollektionen und komplexen Lieferketten, verfügen jedoch nicht über eigene Compliance-, Nachhaltigkeits- oder IT-Abteilungen.

Zahlreiche der diskutierten Anforderungen würden dauerhafte Verpflichtungen zur Datenerhebung, Aktualisierung, Prüfung und technischen Bereitstellung auslösen. Viele dieser Kosten sind zudem kaum skalierbar und treffen kleinere Unternehmen daher überproportional stark.

Gefahr prohibitiv hoher Belastungen

Aus Sicht von GESAMTMASCHE besteht deshalb die Gefahr prohibitiv hoher Kosten. Für einzelne Unternehmen könnte der Aufwand so groß werden, dass bestimmte Geschäftsmodelle wirtschaftlich nicht mehr tragfähig wären – nicht weil Produkte oder Produktionsprozesse mangelhaft wären, sondern weil die bürokratischen und technischen Anforderungen des DPP kaum noch beherrschbar wären.

Der Verband fordert deshalb, den DPP strikt auf wirklich notwendige und bereits heute verpflichtende Informationen zu begrenzen, Doppelpflichten aus physischer und digitaler Kennzeichnung zu vermeiden und freiwillige Ansätze stärker zu berücksichtigen. Wo digitale Informationen verpflichtend werden, sollten sie bestehende physische Kennzeichnungen ersetzen können, anstatt zusätzliche parallele Anforderungen zu schaffen.