Frachtraten und Lieferzeiten: Geopolitik bleibt Kostenfaktor

Frachtraten und Lieferzeiten: Geopolitik bleibt Kostenfaktor

Geopolitische Risiken und Engpässe sorgen weiter für Unsicherheit in der Beschaffung. Für die Textilbranche werden Kosten, Lieferzeiten und Einkaufspreise schwerer kalkulierbar.

Die Lage an wichtigen Handelsrouten bleibt angespannt. Zwar sind die Seefrachtraten zwischen Asien und Europa zuletzt wieder gesunken. Doch geopolitische Risiken rund um die Straße von Hormus und das Rote Meer sorgen zusammen mit Kapazitätsengpässen und anderen Störungen für erhebliche Unsicherheit. Für die mittelständische Textil- und Bekleidungsindustrie erschwert das nicht nur die Frachtkalkulation. Auch Lieferzeiten und Beschaffungspreise geraten unter Druck.

Die gute Nachricht zuerst: Die Containerfrachtraten von Asien nach Europa haben sich nach dem starken Anstieg im Frühsommer zuletzt wieder etwas entspannt. Laut Freightos lagen die Spotraten Anfang August bei rund 5.000 US-Dollar je 40-Fuß-Container (FEU) nach Nordeuropa und etwa 6.000 US-Dollar ins Mittelmeer. Gegenüber den Spitzen Anfang Juli war das ein Rückgang um rund 15 Prozent oder etwa 1.000 US-Dollar je FEU.

Kosten und Laufzeiten können sich innerhalb weniger Wochen erheblich verändern.

Billig ist die Seefracht damit allerdings nicht. Die Raten lagen weiterhin etwa 2.000 US-Dollar je FEU über dem Niveau vor Beginn der vorgezogenen Peak Season Mitte Mai. Freightos führt dies auf weiterhin erhöhte Nachfrage, Engpässe an asiatischen Umschlaghäfen und weitere Störungen zurück. Reedereien reagieren zudem mit gestrichenen Abfahrten und Kapazitätsanpassungen. Für Textilunternehmen ist deshalb weniger der einzelne Frachttarif entscheidend als die fehlende Planungssicherheit.

 

Rotes Meer bleibt Unsicherheitsfaktor

Hinzu kommt die Sicherheitslage auf den wichtigsten Verbindungen zwischen Asien und Europa. Hoffnungen auf eine Normalisierung des Verkehrs durch die Straße von Hormus haben sich zuletzt wieder abgeschwächt. Gleichzeitig reichen die Sicherheitsrisiken bis zum Bab al-Mandab und ins Rote Meer.

Einzelne Reedereien haben zwar Fahrten durch das Rote Meer wieder aufgenommen. Die Nutzung der kürzeren Route durch den Suezkanal hängt aber weiterhin von der jeweiligen Risikoeinschätzung ab. Wird stattdessen das Kap der Guten Hoffnung umfahren, verlängern sich Laufzeiten und Schiffe bleiben länger gebunden.

Gerade für die Textil- und Bekleidungsindustrie können zusätzliche Transporttage teuer werden.

Produktionsmaterialien werden später verfügbar, Liefertermine geraten unter Druck und bei saisonabhängiger Ware schrumpft das Zeitfenster. Muss kurzfristig auf Luftfracht ausgewichen werden, steigen die Kosten nochmals. Auch dort meldet Freightos inzwischen höhere Raten und Treibstoffzuschläge.

 

Der zweite Effekt: steigende Beschaffungskosten

Die Auswirkungen der Geopolitik enden nicht bei der Fracht. Eine aktuelle Untersuchung von Germany Trade & Invest (GTAI) zu 56 Ländern zeigt, wie unterschiedlich der Irankrieg und die Einschränkungen an der Straße von Hormus auf Produktionsstandorte weltweit wirken.

Während Europa die Folgen vor allem über höhere Weltmarktpreise für Energie spürt, sind zahlreiche asiatische Länder direkt von Öl- und Gaslieferungen aus der Golfregion abhängig. GTAI sieht unter anderem Bangladesch unter besonderem Druck.

Steigende Energie- und Transportkosten an wichtigen Produktionsstandorten können sich in den Beschaffungspreisen niederschlagen – auch wenn die eigene Ware die Straße von Hormus gar nicht passiert.

Der weltweit bedeutende Bekleidungsstandort Bangladesch gehört laut GTAI zu den asiatischen Märkten, die Lieferausfälle bei Öl und Gas aus der Golfregion nur schwer auffangen können. Verteuert sich dadurch die Produktion vor Ort, kommt zu höheren Frachtraten ein zweites Kostenrisiko hinzu: der steigende Einkaufspreis.

Auch in der Türkei, einem der wichtigsten Textil- und Bekleidungsstandorte für den deutschen Markt, wirkt der Konflikt auf die Kosten: Laut GTAI treiben höhere Energiepreise die Inflation wieder an. Zusammen mit gestiegenen Löhnen und Wechselkursschwankungen erschwert das den Produzenten die Kalkulation – und kann sich auch in den Einkaufspreisen niederschlagen.

Frachtrate, Laufzeit und Einkaufspreis lassen sich somit immer weniger unabhängig voneinander betrachten. Ein günstiger Beschaffungspreis hilft wenig, wenn Transportkosten kurzfristig steigen, sich Lieferzeiten verlängern oder höhere Energiekosten beim Lieferanten die nächste Kalkulation verändern.

 

Entscheidend ist die Dauer der Krise

Wie stark solche Effekte durchschlagen, hängt wesentlich von der Dauer des Konflikts ab. Sollte er bis in den Herbst andauern, erwarteten 54 Prozent der von GTAI befragten Länderexperten deutliche wirtschaftliche Folgen. Im Falle einer weiteren Eskalation rechneten sogar 82 Prozent mit erheblichen Auswirkungen.

Für Textilunternehmen liegt das Risiko deshalb nicht allein in einem dauerhaft höheren Kostenniveau. Die größere Herausforderung ist die wachsende Unsicherheit darüber, mit welchen Frachtraten, Laufzeiten und Beschaffungskosten in einigen Wochen tatsächlich zu rechnen ist.