Überregulierung bremst Bio-Baumwollanbau aus Bild: ©Cotonea / Klaus Mellenthin

Überregulierung bremst Bio-Baumwollanbau aus

Hohe Kosten für Kontrollen und Dokumentationspflichten überfordern Bio-Baumwollbauern zunehmend. Viele kehren dem zertifizierten Anbau den Rücken. Das spüren auch deutsche Biotextil-Anbieter wie Cotonea.

Aufgrund immer strengerer Regularien kehren Kleinbauern dem Bio-Baumwollanbaus vermehrt den Rücken. Aufgrund der EU-Bio-Verordnung und auch GOTS, dem weltweit führenden Standard für Bio-Textilien, entsteht Kontroll- und Dokumentationsaufwand, den die Bauern kaum mehr schultern können. Auch deutsche Bio-Textilanbieter wie Cotonea sind davon betroffen.

Die zusätzlich verlangten Kontrollen und Dokumentationen sind personell und wirtschaftlich nicht mehr leistbar.

Roland Stelzer, Geschäftsführer von Gebr. Elmer & Zweifel und Gründer der Bio-Textilmarke Cotonea.

Betroffen sind laut Roland Stelzer vor allem die großen Länder des Bio-Baumwollanbaus wie Indien, Tansania oder Uganda – und damit auch die Abnehmer dieser Baumwolle. Hintergrund sind die verschärften Regularien der ohnehin strengen Standards. Die Folge: Farmer steigen aus dem Bio-System aus, obwohl sie vom Nutzen des ökologischen Anbaus überzeugt sind und viele weiterhin nach Bio-Kriterien arbeiten. Damit stehen dem Markt trotz weltweit steigender Nachfrage nach Bio-Textilien weniger zertifizierte Flächen zur Verfügung. Auch die Bio-Textilmarke Cotonea spürt diese Entwicklung. So haben jüngst zwei wichtige, langjährige Partnerkooperativen in Kirgistan und Uganda ihre GOTS Zertifizierung aufgegeben, sie fallen als bewährte Lieferanten von Bio-Baumwolle weg.

 

Der Hintergrund

 „Gut gemeint, doch nicht zu Ende gedacht“, kommentiert Roland Stelzer diese Entwicklung. Mit der Absicht, mehr Transparenz und Sicherheit für Verbraucher zu bewirken, hat die EU im Jahr 2022 Baumwolle explizit in die Bio-Verordnung 2018/848 aufgenommen. Durch strenge Konformitätsvorgaben, insbesondere bei Importen aus Drittländern, soll ein einheitliches Qualitätsniveau für Bio-Rohstoffe geschaffen und Betrug vorgebeugt werden. Ähnlich ist die Motivation bei den verschärften GOTS-Richtlinien, insbesondere vor dem Hintergrund der Zertifikatsskandale in den Jahren 2020 bis 2022 in Indien, dem weltweit größten Anbauland für Bio-Baumwolle. 

„Das bisherige System der Bio-Zertifizierungen und -Kontrollen funktionierte“, unterstreicht Roland Stelzer. „Jährliche GOTS-Zertifizierungen, GVO-Grenzwerte oder eine lückenlose Dokumentation der gesamten Lieferkette sorgten neben vielen weiteren Anforderungen schon lange für Verlässlichkeit und Sicherheit in der Bio-Textilbranche. Doch wie überall gibt es auch in unserer Branche schwarze Schafe, sprich Betrüger.“ Ein immer wieder versuchtes Einfallstor für Betrug ist, konventionell angebaute Baumwolle mit einem gekauften Biozertifikat zu versehen.  

Abhilfe sollen die GOTS-Datenbank und die Farm-Gin Registry schaffen. Durch sogenannte Transaction Certificates, die mit der GOTS-Datenbank verknüpft sind, sollen Transparenz und Rückverfolgbarkeit erzeugt und Nachhaltigkeitsstandards entlang der gesamten Lieferkette sichergestellt werden. Der Haken: Wenn mit falschen Angaben gearbeitet wird, geschieht dies meist am Anfang der Lieferkette, d. h. auf der Feldebene. Die Ware entspricht dann nur auf dem Papier den IFOAM-Richtlinien (International Federation of Organic Agriculture Movements) und rutscht mit diesen gefälschten Papieren durch die gesamte Lieferkette. Jetzt müssen auch Bio-Kleinbauern ihre Daten in das digitale Register der Farm Gin Registry eintragen. Der dahinterstehende Gedanke ist grundsätzlich richtig, alleine die Praxis zeigt ein anderes Ergebnis. Denn das neue System funktioniert in der Regel nur bei großen, mit maximaler Effizienz arbeitenden agroindustriellen Betrieben mit entsprechenden finanziellen und personellen Ressourcen, so wie es sie vor allem in den USA und Brasilien gibt.  

 

Ein Drittel des Umsatzes für Kontrolle und Bürokratie

Für zigtausende kleinbäuerliche Baumwollfarmen, vor allem in Asien und Afrika, bedeuten dieselben Regularien eine völlig andere Situation. Sie werden jetzt zusätzlich mit der reformierten EU-Bio-Verordnung konfrontiert. Diese will gleiche Standards für Bio-Importe wie für die in der EU produzierten Bio-Waren schaffen. Der hieraus entstehende Mehraufwand für zusätzliche Kontrollen gepaart mit mehr Bürokratie zwingt viele Kooperativen finanziell in die Knie. Jetzt müssen Bauernkooperativen angesichts eines viel zu niedrigen Weltmarktpreises bis zu 35 Prozent ihres erzielbaren Verkaufspreises alleine für Zertifizierungen entrichten. 

Das Ungleichgewicht zwischen niedrigem Weltmarktpreis und hohen Zertifizierungskosten ist freilich kein neues Phänomen. Bislang mussten die nach Biokriterien arbeitenden Kleinbauern ca. 15 Prozent des konventionellen Verkaufspreises für die Zertifizierung kalkulieren. Weil auch dies zu viel ist, hat Cotonea seinen langjährigen Partnerkooperativen in Kirgistan und Uganda für ihre Bio-Baumwolle einen um rund 25 Prozent über dem Weltmarkt liegenden Preis bezahlt. So hat sich für alle der Handel einigermaßen gelohnt. Mit den noch strengeren Regularien haben sich die Zertifizierungskosten jedoch mehr als verdreifacht.   

Was der vermehrte Ausstieg von Kleinbauern aus Standards wie GOTS und Bio mittelfristig für den Bio-Baumwollmarkt bedeutet, bleibt abzuwarten. Es gibt keine exakten, global aggregierten Statistiken zu den Austritten, da die Bauern nicht formell „austreten“, sondern Zertifizierungen auslaufen lassen, Flächen nicht mehr für Bio-Zertifikate anmelden oder Kooperativen infolge zerbrechen.

Eine vom FiBL (Forschungsinstitut für Biologischen Landbau) im Dezember 2024 veröffentlichte internationale Studie kommt zu einer ähnlichen Bewertung. Demnach haben die neuen Regeln Auswirkungen auf 1,8 bis 2 Millionen Kleinbäuerinnen und -bauern in von der EU nicht als gleichwertig anerkannten Drittländern. Etwa 70 Prozent der zertifizierten Kleinerzeugergruppen müssten massive strukturelle Anpassungen vornehmen und 20 Prozent der befragten Gruppen planten sich nicht mehr nach EU-Bio zertifizieren zu lassen oder die Zertifizierung einzuschränken. 

 

Eigenverantwortung übernehmen – und Betrug aushebeln  

Der Aufwand für die Bio-Zertifizierung war bereits vor der Verschärfung sehr hoch. Die Bauern müssen exakt geführte wöchentliche Protokolle zu jedem Feld führen, die Auditoren führen Interviews, prüfen sämtliche Dokumente, Betriebsstätten und Praktiken, die Zertifizierer nehmen Stichproben vor Ort vor. All das dient dem Ziel, die Regelkonformität der Bio-Betriebe und das in Bio-Betriebe gesetzte Vertrauen zu bestätigen. „Darüber hinaus“, so Roland Stelzer, „sollten Unternehmen aus Eigenverantwortung für Strukturen in der Lieferkette sorgen, die einen Betrug kaum möglich und unattraktiv machen.“ Dazu gehört die Gestaltung überschaubarer Lieferketten. Denn nur wer seine Produktions- und Lieferkette genau kennt, bekommt einen echten Einblick und erlangt gestalterischen Einfluss. Die Verantwortlichen bei Cotonea kennen alle Partner, diese wiederum schätzen die persönliche Ebene der Zusammenarbeit. Auch schickt Cotonea Stichproben der Ware selbst ins Labor und prüft, ob entsprechend der Richtlinien gearbeitet wurde. Roland Stelzer kommentiert: „Die Folgen der derzeitigen Überregulierung bedauere ich sehr, haben wir doch in über 20 Jahren erfahren, wie die Baumwoll-Bäuerinnen und -bauern durch persönliche Begleitung und Schulung vor Ort und einer von Transparenz und Fairness geprägten Haltung im Bio-Landbau einen sinnvollen und schützenswerten Ansatz sehen – auch über Regularien hinweg.“ 

Auch wenn die Kooperativen in Kirgistan und Uganda weiter nach den bewährten Bio-Standards arbeiten, weil der Ertrag der Bio-Baumwolle höher ist und der Anbau pestizidfrei erfolgt, ist die Ware nicht mehr durch Zertifikate abgesichert. Cotonea arbeitet deshalb an neuen Partnerschaften, die die neuen Anforderungen zur Zertifizierung tragen wollen und können. Derweil werden bei den Cotonea Haustextilien die Vorräte an zertifizierter Bio-Baumwolle in allen Verarbeitungsstufen noch für etwa zwei Jahre reichen, bevor erste Produkte mit der Bio-Baumwolle neuer Partner die Cotonea Kunden erreichen.   

 

Über Elmer & Zweifel und Cotonea  

Seit Gründung der Baumwollweberei Gebr. Elmer & Zweifel im Jahr 1855 widmet sich das Unternehmen aus dem schwäbischen Bempflingen der Naturfaser Baumwolle. 1995 begann der Einsatz von Biobaumwolle. Die 2003 gegründete Marke Cotonea bietet seitdem ausschließlich echte Biotextilien an und basiert auf Naturtextil IVN zertifiziert BEST, dem weltweit höchsten ökologischen Standard, der auch GOTS einschließt. Das Traditionsunternehmen hat Anbauprojekte für Biobaumwolle in Uganda und Kirgistan mit aufgebaut und kennt alle Stationen entlang seiner Produktionskette auf persönlicher Ebene: von der Entkörnung und Fasererzeugung und der Garn-Spinnerei, von der Garn-Veredlung, Flächenbildung, dem Weben und Stricken über die Veredlung der Flächen bis hin zur Konfektionierung. https://about.cotonea.de/cotonea/