US-Zölle gehen in die nächste Runde Bild: Ki-generiert

US-Zölle gehen in die nächste Runde

Neue Risiken im weltweiten Textilhandel: Seit 1. Juli 2026 gewährt die EU US-Waren die 2025 vereinbarte Zollfreiheit. Auf US-Seite steht die Umsetzung noch aus. Ein kritischer Stichtag ist der 24. Juli 2026.
Der Systemkonflikt hinter dem Zollchaos

Die Turnberry-Einigung im EU-US-Zollstreit sieht für die meisten EU-Waren eine US-Zollobergrenze von 15 Prozent vor: Liegt der reguläre Meistbegünstigungszoll (MFN) – wie bei den meisten Bekleidungsprodukten – ohnehin darüber, bleibt dieser höhere Satz bestehen. Tatsächlich addierten die USA zuletzt jedoch einen globalen Notfall-Aufschlag von 10 Prozent (Section 122) on top auf den MFN-Zoll, begrenzt auf 150 Tage. Diese Aufschichtung hebelte die Turnberry-Obergrenze vorübergehend aus. 

Dahinter steht ein tiefer Systemkonflikt: Die USA setzten den Deal ab September 2025 zwar sofort, aber rechtlich wackelig per Präsidialdekret um. Nach dem Urteil des Supreme Court im Februar mussten sie ihre Rechtsgrundlage neu ordnen und griffen vorübergehend auf Section 122 zurück. Die EU wählte hingegen den langsamen, aber rechtssicheren Weg über ein ordentliches Gesetzgebungsverfahren. Brüssel hat seine Marktöffnung zwar rechtlich verankert, zog aber eine klare rote Linie: Durch eine eingebaute Sunset-Clause läuft der Deal am 31. Dezember 2029 automatisch aus – ein wichtiges vertragliches Notventil für die europäische Industrie gegen  unberechenbare US-Handelsschritte.

Erstes Risiko: Rückkehr der „Trade Letters“

Mit dem Auslaufen von Section 122 am 24. Juli entfällt der pauschale Zehn-Prozent-Aufschlag. Washington dürfte zu einer länderspezifischen Zollpolitik per  Präsidialentscheidung oder „Trade Letters“ übergehen. Statt eines einheitlichen Aufschlags droht erneut ein unübersichtliches Mosaik aus Länderregelungen und Ausnahmen.  Selbst wenn die USA dann gegenüber der EU zur Turnberry-Logik zurückkehren, entsteht für die deutsche Textilbranche  ein massives Planungsrisiko. Denn viele  Unternehmen vertreiben in den USA Produkte, die in Beschaffungsländern wie Vietnam, China, Türkei, Serbien oder Tunesien gefertigt wurden. Weil sich der Zoll am Ursprung der Ware, nicht am Sitz des europäischen Exporteurs orientiert, können neue, selektive US-Länderzölle die Kalkulation ganzer Sortimente und globaler Beschaffungsstrukturen über Nacht verändern.

Zweites Risiko: Handelsumlenkung nach Europa

Sollten die USA hohe Zölle gegen einzelne asiatische Lieferländer verhängen, droht eine gefährliche Umlenkung der Warenströme. Asiatische Produzenten, die durch Zölle ihre  Wettbewerbsfähigkeit auf dem US-Markt verlieren, werden verstärkt auf den europäischen Markt drängen. Das dürfte den Preis- und Importdruck auf dem ohnehin stark  umkämpften EU-Bekleidungsmarkt massiv verschärfen. Besonderes Augenmerk gilt Indien: Die USA und Indien verhandeln über Zollsenkungen. Erhält Indien dort  privilegierte Bedingungen, verschieben sich die Marktanteile zulasten anderer Textilländer. Belegen die USA Indien hingegen mit neuen Zusatzzöllen, droht eine massive Handelsumlenkung nach Europa – ein Effekt, der durch den geplanten Start des EU-Indien-Freihandelsabkommens Anfang 2027 zusätzlich beschleunigt werden könnte. Der 24. Juli bringt der Textilindustrie daher keine Planungssicherheit, sondern läutet die nächste Phase der transatlantischen Zoll-Unberechenbarkeit ein.

↘ Silvia Jungbauer, jungbauer@gesamtmasche.de